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Pilze vom Wegesrand

Sammelt seit 50 Jahren: Malgorzata Walczak verkauft in der Nähe von Gorzów Pfifferlinge, Stein- und Schirmpilze.
Sammelt seit 50 Jahren: Malgorzata Walczak verkauft in der Nähe von Gorzów Pfifferlinge, Stein- und Schirmpilze. © Foto: Heinz Köhler
Dietrich Schröder / 06.08.2011, 10:32 Uhr - Aktualisiert 06.08.2011, 10:34
Gorzów (In House) Mit dem August hat auch die Hochzeit für Pilzsammler begonnen. Gleich hinter der Grenze in Polen handelt es sich dabei um einen wahren Volkssport, wovon man sich auch an den Rändern der Landstraßen überzeugen kann. An Polens Straßen verdient sich mancher etwas Geld mit selbst gesammelten Waldfrüchten.

Malgorzata Walczak steigt morgens früh aus den Federn. „Sobald der Himmel heller wird, hält mich nichts mehr im Bett.“ Von halb sechs an hat sie in den Wäldern rings um ihr Dorf Brzozowiec gesammelt, was sie jetzt an der Landstraße nach Gorzów verkauft: Orange-gelbe Pfifferlinge, die im Nachbarland wegen ihrer Farbe „kleine Hähnchen“ (Kurki) genannt werden. Schirmpilze mit den tellergroßen Hauben und auch die ersten kleinen Steinpilze sind auf einer kleinen Kiste gestapelt. Jetzt hockt sie damit am Straßenrand und wartet auf Käufer, die anhalten und aus ihren Autos steigen.

„Ich sammle schon seit einem halben Jahrhundert“, berichtete die 58-Jährige, mit der man rasch ins Gespräch kommt. Als Kind ist sie mit Eltern und Geschwistern in den Wäldern unterwegs gewesen. Heute bessert sie sich mit dem Pilzverkauf die Rente auf. „Viel ist es ja nicht, aber es macht auch Spaß“, sagt sie, und wiegt ihre Händen zufrieden hin und her. 15 Zloty möchte sie für ein Schälchen Pfifferlinge haben. Das sind umgerechnet knapp vier Euro. Für mehrere Schälchen gibt es Rabatt.

In dem Dorf Brzozowiec ist das Sammeln von Waldfrüchten im Sommer für viele ein sinnvoller Zeitvertreib. 20 Meter weiter steht eine junge Frau und bietet Blaubeeren und Pilze feil. Und auf der anderen Straßenseite hockt gleich eine ganze Familie mit drei kleinen Kindern unterm Sonnenschirm. „Einen richtigen Urlaub können wir uns nicht leisten. Da machen wir es uns hier bequem“, sagt die Mutter.

Während die Jüngsten, die hier fleißig Ware feilbieten, vom Ertrag Schokolade und andere Süßigkeiten erstehen, setzen die beiden älteren Männer, die ganz am Rande der Siedlung sitzen, das Geld in Bier für den Feierabend um. „Aber zu viel dürfen wir auch nicht trinken, sonst finden wir morgen nichts mehr“, scherzen sie.

Das Sammeln und der Straßenverkauf, für den natürlich niemand Steuern bezahlt, ist eine Tradition, die aus dem Osten kommt. Und wohl auch langsam wieder dorthin verschwindet, denn je weiter man sich von der Grenze entfernt, umso häufiger trifft man auf die Händler. Auch Honig, Blumen und frische Eier gehören zum Angebot.

Gleich an der Grenze zu Deutschland gibt es diese Dinge eher auf den Märkten. Aber oft etwas teurer und wohl auch nicht ganz so frisch, wie gleich aus den Wäldern.

Und noch eine Konkurrenz erwächst den Sammlern, die – so dicht am Straßenverkehr und seinen Abgasen – ohnehin nicht ungefährlich leben: Das sind die neuen Schnellstraßen und Autobahnen, die in Polen immer mehr gebaut werden. „Im Nachbardorf haben sie schon Pech gehabt“, berichtet Malgorzata Walczak. Dort gibt es jetzt eine Umgehungsstraße, und an der hält keiner mehr an.

Kleines Pilz-Wörterbuch

„Grzyby“ heißen die Pilze auf Polnisch. Hier ein Überblick über die Namen wichtiger essbarer und giftiger Arten.

Essbar: Steinpilz – Borowik, Pfifferlinge – Kurki, Schirmpilz – Parasolnik, Marone .– Podgrzybek, Birkenpilz – Kozak, Butterpilz – Maslak, Champignon – Pieczarka, Hallimasch – Opienkamiodowa, Reizker – Rydz

Giftig: Fliegenpilz – Muchomor, Grüner Knollenblätterpilz - Muchomorsromotnikowy, Krempling – Krowiak

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Pilz Malgorzata Walczak Wegesrand Polen Pilzsammler

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