Den ersten Ausbildungstag kann ein Heranwachsender jetzt erleben, ohne sich je persönlich in einem Betrieb vorgestellt zu haben. Ein Programm von SchulePLUS simuliert den Rundgang durch verschiedene Berufszweige über Virtual-Reality-Brillen und 360-Grad-Filmtechnik.
Probieren geht manchmal doch über studieren. Die Frage nach der richtigen Ausbildung oder Orientierung für den späteren Berufswunsch muss an Berliner und Brandenburger Schulen nicht mehr lange diskutiert werden. Obendrein braucht kein Jugendlicher mehr verloren in einem Ausbildungskatalog zu blättern oder sich mit vielen anderen Gleichverdrossenen auf der Leinwand Erklär-Filme anzuschauen. Weitaus effektiver ist es, sich direkt an den Ort des Geschehens zu beamen – sprich den Unterrichtsraum augenscheinlich zu verlassen und im Hotel, beim Polizeieinsatz, in der Werkstatthalle oder am Drogerieregal einzufinden.
In einem sogenannten Pop-up-Store in Berlin-Schöneberg wird das Projekt „Dein erster Tag“ eine Woche lang Lehrkräften, Schülern und Interessierten vorgestellt. Auch der jung gebliebene Staatssekretär der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Christian Rickerts, ist am Dienstag dort erschienen. Der 42-Jährige trägt himmelblaue Turnschuhe, dazu einen grauen Anzug mit gestreiftem Business-Hemd. „Ich bin total neugierig, wie es aussieht“, sagt er kurz vor seinem virtuellen Rundgang durch einen der dreiminütigen 360-Grad-Filme. Dieses „zusätzliche Angebot bei über 400 möglichen Berufen“ müsse man einfach nutzen, meint er. Hier könne jeder „niederschwellig reinschauen“, und es sei auch für Firmen die Chance, sich zu präsentieren. „Noch erfahrbarer mache ich es nur, wenn ich es physisch ausprobiere und direkt in den Ausbildungsbetrieb gehe.“
Die neunte Klasse des Sartre-Gymnasiums Berlin-Hellersdorf testet die Betriebsbesichtigungen ebenfalls vorab. Lehrerin Heike Gerber hat sich schon im ersten Halbjahr mit den Träumen und Interessen ihrer Schüler auseinandergesetzt, um berufliche Perspektiven zu erarbeiten. Im laufenden zweiten Halbjahr gehe es neben Bewerbungsfragen ganz „konkret in die Betriebe“, sagt sie. Das heutige Angebot, über Virtual Reality gleich mehrere Ausbildungsgänge testweise zu erkunden, hat sie gern wahrgenommen. Gerade weil in vielen Einrichtungen für ein betriebliches Praktikum oft der Zugang fehlt, ist Virtual Reality für viele Schulklassen eine Möglichkeit, sehr intensiv mitzuerleben, was die Arbeit in bestimmten Berufsfeldern kennzeichnet.
Es habe jemand „bei den Schussübungen“ auf sie gezielt, entrüstet sich Victoria. Die 14-Jährige möchte später Jura studieren, wollte sich aber das Video der Polizei Berlin anschauen, weil sie „schon immer Polizistin werden wollte“, sagt sie. Ihr hätten von Kindheit an „die Einsätze  und der Adrenalinkick“ imponiert. Nachdem sie nun die Welt der Polizisten im Einsatz miterleben konnte, überlegt sie sogar, doch lieber eine Berufsausbildung zu machen.
„Natürlich erhoffen wir uns, dass Jugendliche sich trauen, sich mit unserem Berufsfeld auseinanderzusetzen und bei uns zu bewerben“, sagt Silke Rothhardt vom Referat Personalmanagement der Polizei Berlin. Gerade junge Frauen würde die Polizei mit diesem Auftritt begeistern wollen.
Seit ein paar Jahren informieren Honorartrainer von SchulePLUS schon junge Leute an Schulen über mögliche Berufswege, arbeiten in interaktiven Workshops deren Stärken und Schwächen heraus.  Auf einer Ausbildungsmesse in Austin (Texas) im Frühjahr 2017 kam den Geschäftsführern die zündende Idee, auch 360-Grad-Panoramen für ihre Trainings zu nutzen.
Der virtuelle Rundgang durch verschiedene Abteilungen jeweiliger Betriebswelten sollte für jeden möglich sein, fanden sie außerdem. Eine VR-Brille koste allein 27 Euro, ein ganzer Klassensatz wäre für den Unterrichtsgebrauch viel zu kostspielig, meint Geschäftsführerin Jasmin Bildik. Deshalb stellte das Sozialunternehmen in einem Paket kostenloses Probematerial für den Berufsorientierenden Schulunterricht zusammen. Über eine App sind derzeit bis zu 14 Ausbildungsvideos abrufbar. Vom Arbeitsumfeld eines Berufskraftfahrers, Mechatronikers, Friedhofsgärtners bis zur Pflegefachkraft im Seniorenheim ist für Ausbildungsinteressierte alles dabei. Weitere acht Filme sind in der Produktion und wurden in Kooperation mit Firmen und Einrichtungen hergestellt. Sie sollen unter anderem über die Arbeit in der Apotheke, beim Schiffsbau oder am Theater informieren.
Die Box hat es in sich: Sämtliches Material, inklusive Technik zur unterstützenden Ausbildungsorientierung an Schulen wird auf Anforderung deutschlandweit kostenfrei zugesandt. Ein Set aus jeweils drei Virtual-Reality-Brillen, Smartphones mit aufgespielter App, Kopfhörern, Desinfektionstüchern sowie einer Anleitung, wie das Ganze zu handhaben ist, soll die Vorstellung der Berufe durch räumliches Erleben ergänzen. Zur Vor- und Nachbereitung der Virtual-Reality-Betriebserkundungen möchte SchulePLUS demnächst auch Fragen und Antworten mitgeben, die den Gebrauch vereinfachen sollen.