Der Abzug von mehr als einer halben Million Sowjetsoldaten aus Ostdeutschland gehört zu den größten Truppenverschiebungen in Friedenszeiten. Thilo Gehrke hat den Verwandlungsprozess auf den verlassenen Liegenschaften über 25 Jahre lang dokumentiert. Seine Fotos und Fundstücke sind ab Mittwoch im Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst zu sehen.
Die deutsche Einheit ist erst ein paar Tage alt, als Thilo Gehrke im Oktober 1990 während einer Tour durchs Havelland an der B5 handgemalte Stellwände mit Lenin und kämpfenden Rotarmisten entdeckt. Als er sie fotografiert, taucht plötzlich ein Militär-Lkw auf. Von der Ladefläche springen Sowjetsoldaten. Der Journalist aus Hamburg wird als potenzieller Spion kurzzeitig verhaftet und in das von der Öffentlichkeit abgeschottete Kasernengelände am Truppenübungsplatz Döberitzer Heide geführt. „Sowjetsoldaten in Webpelzmützen und Filzstiefeln übten dort zu schrägen Trompetentönen das Marschieren. Einer hockte zwischen Ferkeln und Hühnern am Boden und kochte über dem offenen Feuer in seinem Stahlhelm“, erinnert sich Thilo Gehrke. Ein Erlebnis, das sein Interesse an der fremden Streitmacht auf deutschem Boden weckt. Seine Bilder von verlassenen Truppenübungplätzen, Krankenhäusern, Stabsgebäuden und Truppenküchen sind ab Mittwoch im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst zu sehen.
Gehrke hat aber auch zurückgelassene Orden, Soldaten-Ausweise und Lkw-Armaturen mitgebracht. Zu den Fundstücken, die er bei seinen Streifzügen durch die weitläufigen Anlagen entdeckte, gehört auch ein Essenkübel mit kyrillischen Buchstaben, eine Holzkrücke sowie eine Armee-Trage aus der Lazarettstadt Beelitz Heilstädten.
Allein in Brandenburg waren 48 Prozent der Truppen in meist ausgedehnten ehemaligen Wehrmachtsliegenschaften konzentriert. Die Bilder mit Stehtoiletten und 50-Betten-Schlafsälen zeugen von wenig Komfort und Intimsphäre. Sie erzählen aber auch von autarken Welten mit eigenem Kinderhort, Kaufhallen und Kulturprogramm.
Abgeschottet in den sogenannten „Russenstädtchen“ hatten die Soldaten während ihrer fast fünf Jahrzehnte dauernden Stationierung im Frontstaat DDR wenig Kontakt zur Außenwelt. Die offiziell propagierte Deutsch-Sowjetische Freundschaft war in der Realität nicht gewollt. „Wenn ein Soldat sich in eine Deutsche verliebte, wurde er aus Angst vor Spionage einkassiert und woanders hin versetzt“, berichtet der Autor, der unter dem Titel „Das Erbe der Sowjetarmee in Deutschland“ auch ein Buch geschrieben hat.
So sei der Abzug von über 546 000 Wehrpflichtigen und  drei Millionen Tonnen militärischen Materials  innerhalb von vier Jahren weniger eine menschliche, als vielmehr eine logistische Herausforderung gewesen.
Trotzdem sieht man auf den Bildern mit Abschiedsparade auch traurige Gesichter. „Die Sowjets haben ihren Abzug als Niederlage verstanden.“ Gehrke erinnert sich an den Spruch eines Offiziers 1994 im Hauptquartier in Wünsdorf, der sagte: „Wir haben den Faschismus besiegt, aber den Kalten Krieg verloren.“ An die offiziell propagierte Fassung, dass die Sowjets durch ihre Präsenz in Deutschland fast 50 Jahre den Weltfrieden sicherten, schienen die Soldaten selbst nicht zu glauben. Die DDR-Bevölkerung dagegen habe den Rückzug als Entlastung empfunden. Auch weil viele noch traumatisiert waren“, glaubt der Journalist.
In ihren Liegenschaften, die etwa so groß sind wie das Saarland, ließen die insgesamt sechs Armeen unter anderem 10 000 Haustiere zurück. So zeigt ein Bild vom Mai 1994 einen schwarzen Hund, der verlassen auf dem Kasernengelände in Sperenberg kauert. Auf anderen sind leckende Öl-Tanks und Berge aus Munitionsresten zu sehen. „Umweltschutz spielte bei den Alliierten keine Rolle“, erklärt Gehrke. So ist er über die Jahre auch zum Chronisten eines ruinösen und vergifteten Erbes geworden, dessen Verwaltung bis heute eine fast unbezwingbare finanzielle und technische Herausforderung ist. „Deswegen wird mancherorts der kontrollierte Verfall vorgezogen.“
Die Fotoausstellung „Das Erbe der Sowjetarmee in Deutschland“ ist ab Mittwoch im Deutsch-Russischen Museum an der Zwieseler Straße 4 zu sehen. Di bis So, 10 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Die Vernissage beginnt heute um 19 Uhr.