Die Liste der Taten ist beeindruckend, vor allem auch wegen ihrer raschen Abfolge: In der Nacht zum 25. Juni 2013 verschwand in Fürstenwalde ein Audi für rund 10000 Euro. Nur zwei Nächte später im benachbarten Jakobsdorf ein Wagen der gleichen Marke. Lebus, Großbeeren, Frankfurt (Oder), Wandlitz und Berlin sind nur einige der weiteren Tatorte, an denen die Bande im Sommer und Herbst des vergangenen Jahres ihr Unwesen trieb. Sie hatte sich auf Modelle der Marken Renault, Audi, Ford Laguna sowie auf VW-Kleintransporter spezialisiert.
Zunächst gingen den Behörden nur die Kuriere ins Netz, deren Aufgabe es war, die gestohlenen Wagen über die Grenze zu bringen. Wojciech T. wurde am 26. August im Ostseeort Kolbaskowo von polnischen Beamten mit einem Audi gestellt, der tags zuvor in Berlin gestohlen worden war. Dies war einer der wenigen entwendeten Wagen, die an ihre früheren Besitzer in Deutschland zurückgeführt werden konnten. T. sitzt in Stettin in Haft, gegen ihn wird in Polen ermittelt.
An seine Stelle traten Waldemar L. und Jacek W., die nach Diebstählen am 23. September und 15. Oktober auf der A 12 beziehungsweise A 11 ebenfalls verhaftet wurden. Am 26. November war es dann endlich soweit: Brandenburger Ermittler, die inzwischen die Handys der Diebe überwachten, schlugen zu. Sie nahmen Tomasz G. und Dawid G. fest, die beiden Köpfe der Bande, die die Raubzüge organisierten und durchführten. Ein in Ludwigsfelde gestohlener VW Touran war das letzte Beutegut, Lukasz M. der letzte Kurierfahrer, der gleichzeitig mit den G.s verhaftet wurde.
Als sie in den Gerichtssaal geführt werden, machen die fünf Angeklagten, die seit ihrer Festnahme in Untersuchungshaft saßen, einen sehr ähnlichen Eindruck: Sie wirken drahtig aber auch etwas unscheinbar, sind zwischen 24 und 34 Jahren alt und stammen aus der Gegend von Gorzów (Landsberg). Nur Tomasz G. sticht durch die aufreizenden Blicke hervor, mit denen er seine früheren Kuriere einzuschüchtern versucht. Denn dass ihn Letztere als den Kopf der Bande belastet haben, ist ihm längst bekannt.
Welch großen personellen und finanziellen Aufwand der Prozess erfordert, wird schon am leicht verspäteten Beginn deutlich. Die Angeklagten sind aus drei verschiedenen Haftanstalten nach Frankfurt gebracht worden - aus Cottbus, Brandenburg/Havel sowie Neuruppin - und dies jeweils in Begleitung von zwei Justizbeamten. Für jeden Angeklagten wurden ein Dolmetscher sowie ein oder gar zwei Pflichtverteidiger bestellt, sodass sich inklusive Richtern, Schöffen und Staatsanwalt über 30 Personen im Verhandlungsraum befinden. Ein Angeklagter muss mit seinem Verteidiger und dem Dolmetscher auf jener Bank sitzen, die sonst dem Staatsanwalt vorbehalten ist.
Und einer der Verteidiger verlangt sogar noch einen höheren Aufwand: Denis Matthies erhebt die Forderung, dass die aus zwei Richtern und Schöffen bestehende Kammer um einen weiteren Richter erweitert werden soll. Dies sei angesichts der über 2000 Seiten umfassenden Ermittlungsakten erforderlich, begründet er seinen sogenannten Besetzungseinwand. Außerdem fordert er zusätzlich zu den fünf geplanten Verhandlungstagen weitere Termine und die Anhörung der betroffenen Fahrzeugbesitzer als Zeugen.
Doch obwohl auch Staatsanwalt Martin Kramberg einen längeren Prozess unterstützt, weist der Vorsitzende Richter Frank Tscheslog den Einwand zurück. Er verweist darauf, dass einer der Kuriere während der Ermittlungen ein volles und die beiden anderen Teilgeständnisse abgelegt hätten. Zudem schlägt er den Angeklagten die Verständigung auf ein Strafmaß vor, wenn diese im Gegenzug vollständige Aussagen machen. Dreieinhalb beziehungsweise viereinhalb Jahre Haft für die beiden Hauptangeklagten sowie zwei Jahre auf Bewährung für die drei Kuriere lautet sein Angebot. Während die drei Kuriere hochzufrieden darauf eingehen, lehnen die beiden G.s diesen Vorschlag ab. In den kommenden Wochen dürften also noch zahlreiche Details über den Ablauf der Diebestouren zutage kommen und vielleicht auch dazu, was eigentlich mit den Autos passierte.