"Als ich das gehört habe, dachte ich, mir fällt gleich das Frühstück aus dem Gesicht", sagt ein Mitarbeiter des Baukonzerns Strabag. Der Mann erzählt, wie er die Entscheidung des Landesbetriebs beurteilt. Der Arbeiter bittet allerdings um Anonymität. Man möge offiziell bei der Strabag um Auskunft bitten. Gesagt, getan. Auch der Landesbetrieb bekommt noch einmal Gelegenheit, sich zu äußern. Und siehe da, es hätte auch andere Lösungen für guten Verkehrsfluss und für guten Arbeitsschutz gegeben. Aber der Reihe nach.
Seit Mai bis voraussichtlich Ende September wird ein acht Kilometer langes Stück Autobahn zwischen Briesen und Müllrose wegen "Betonkrebs" erneuert. So lange gelten Verkehrseinschränkungen. Richtung Berlin sind auf zwei schmalen Spuren 60 Stundenkilometer erlaubt, in Richtung Bundesgrenze gibt es eine 60er-Spur und eine, auf der werktags tagsüber höchstens 40 gefahren werden darf.
Letzteres rechtfertigte der Landesbetrieb nach ersten Protesten von Autofahrern mit einer neuen Arbeitsschutzregel, die eine geringere Höchstgeschwindigkeit als bislang üblich vorschreibt, wenn zwischen Autos und Bauarbeitern wenig Platz ist. Außerdem hat der Landesbetrieb auf die etwa 40 Zentimeter hohen Schutzwände verzichtet, die oft zum Einsatz kommen, um den Baustellenbereich von der Fahrbahn zu trennen. Auf der A12 gibt es stattdessen lediglich aller paar Meter Baken.
Der Verzicht auf die Schutzwand wird mit der nun leichteren Zufahrt für die Baufahrzeuge und einer am Ende kürzeren Bauzeit begründet, weil Auf- und Abbau der Wand wegfällt, wenn man die Baustelle verschwenken möchte. Ohne die Wand ist nun aber Höchsttempo 40 erforderlich.
Tempo 80 wäre möglich gewesen
Die Strabag-Leute halten den Verzicht auf die Wand für einen fatalen Fehler. Mit ihr wäre Tempo 80 möglich gewesen. Das Limit von 40 provoziere volkswirtschaftliche Schäden durch Staus, erhöhe das Risiko von Auffahrunfällen, vor allem aber sei die fehlende Wand eine Gefahr für die Bauleute direkt neben den Lastwagenkolonnen. Denn an die 40 halte sich kaum ein Autofahrer. Wer auf der Strecke regelmäßig unterwegs ist, kennt das: Fährt man auf der linken Spur Richtung Polen die erlaubten 60, sieht man oft auf der rechten Tempo-40-Spur die Laster vorbeiziehen.
In ihrem offiziellen Statement betont die Strabag zunächst, dass der Landesbetrieb eine grundsätzlich anerkannte, verkehrssichere und kostengünstige Lösung gewählt habe. Dann aber heißt es: "Alternativ wäre – auch unter Berücksichtigung der vorgesehenen einmaligen Verschwenkung sowie der Baustellenein- und -ausfahrten – die Einrichtung einer Schutzwand und ein Tempolimit von 80 Stundenkilometern möglich gewesen." Und zum Thema Arbeitsschutz schreibt die Strabag-Pressestelle: "Die Gefahrenminimierung für das Baustellenpersonal sollte vorrangig durch den Einsatz von transportablen Schutzeinrichtungen erfolgen."
Der Landesbetrieb hält dagegen, dass mit Schutzwand das dann häufige Rangieren und Rückwärtsfahren der Baufahrzeuge die größere Gefahr wäre. Aber es gibt auch Selbstkritik: Mit der Anordnung von Tempo 40 sei man "nicht zufrieden, da diese von Verkehrsteilnehmern auf Autobahnen nicht akzeptiert werden und nur bedingt mit der Funktion einer Autobahn vereinbar sind", teilt der Landesbetrieb mit. Man suche daher gemeinsam mit anderen Akteuren für künftige Fälle nach anderen Lösungen.

Alkali-Reaktion oder auch: Betonkrebs

Die chemische Reaktion zwischen Alkalien des Zementsteins im Beton und der Gesteinskörnung mit alkalilöslicher Kieselsäure wird Alkali-Kieselsäure-Reaktion genannt, umgangssprachlich auch Betonkrebs. Daraus können schwere Schäden an Brücken oder Autobahnen entstehen. Obwohl die Reaktion seit 100 Jahren bekannt ist, wurden die Folgen lange Zeit nicht verstanden, nicht erkannt und später auch einfach ignoriert. Die Folge ist, dass nun bundesweit viele Autobahnen saniert werden müssen. Auch der Sanierungsbedarf deutscher Flughafenpisten wird als sehr hoch eingeschätzt. mat