Vertreterinnen von Hilfsorganisationen in Brandenburg fordern mehr Angebote, an die sich Mädchen mit ihren Problemen wenden können. Derzeit gibt es im Land nach Angaben der Kontakt- und Koordinierungsstelle für Mädchenarbeit fünf sogenannte Mädchentreffs, überwiegend in den größeren Städten. „Das reicht nicht aus“, sagte Projektleiterin Bianca Strzeja. Besonders auf dem Land bestehe Bedarf an solchen Einrichtungen, an die sich Mädchen gezielt wenden könnten.
Besonders in der Coronazeit sei der Kontakt zu den Mädchen wichtig. „Die Rate der sexuellen Gewalt ist in den letzten Monaten seit Corona gestiegen“, sagt Strzeja. Zahlen über solche Fälle erhebt die Koordinierungsstelle nicht. Nach Angaben der Polizei sind von März bis Juli landesweit 22 Prozent mehr Fälle häuslicher Gewalt registriert worden. 1840 Fälle wurden im polizeilichen Auskunftssystem gespeichert. Im Vorjahreszeitraum waren es 1508 Fälle. Da in dem System alle eingegangenen Straftaten erfasst werden, können sich die Zahlen in der polizeilichen Kriminalstatistik 2020, die erst im Frühjahr 2021 erscheinen soll, noch verändern.
Immer wieder fragten von Gewalt betroffene Mädchen bei Frauenhäusern in Brandenburg an, berichtet Cathrin Seeger vom Vorstand des Netzwerks der brandenburgischen Frauenhäuser. Die Einrichtungen könnten Betroffene ohne ihre Mütter aber erst ab 18 Jahren aufnehmen. Gewaltbetroffene Mädchen hätten ganz andere Bedürfnisse als erwachsene Frauen, denen die Häuser aufgrund fehlender Finanzierung nicht nachkommen könnten. Die Betroffenen müssten sich an das zuständige Jugendamt wenden.
„Wir brauchen etwas für Mädchen im Land“, sagte Seeger. Auch in anderen Bundesländern gebe es Mädchenhäuser, in denen Betroffene Schutz finden. Für Mädchen sei es häufig eine hohe Hemmschwelle, zum Jugendamt zu gehen. Da Vertrauen in oder Verständnis für behördliche Einrichtungen fehle. „Die Mädchen denken dann, sie müssen ins Heim“, so Seeger. Das Problem sieht auch Bianca Strzeja. „Die Mädchen werden mit ihren Bedürfnissen alleine gelassen.“
Mädchentreffs bieten Beratungen, Kurse zur Gewaltprävention und Selbstverteidigung an oder organisieren Ferienfahrten. Projekte sind unter anderem in Potsdam, Teltow (Potsdam-Mittelmark), Schwedt/Oder (Uckermark) und Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz). In Cottbus gibt es den offenen Kinder- und Jugendtreff „MiA - Mädchen in Aktion“ des Frauenzentrums Cottbus, eine Anlaufstelle nur für Mädchen und junge Frauen im Alter von sechs bis 27 Jahren. Seit knapp 30 Jahren setzen sich die Pädagoginnen mädchenpolitisch für die Bedarfe, Lebenslagen und -welten der Besucherinnen ein, sagt Sozialarbeiterin Franziska Reifenstein.
„Im geschützten Raum können sich Mädchen und junge Frauen, unabhängig von Alter, Herkunft und Geschlechtsidentität, in verschiedenen Bereichen ausprobieren und gemeinsam ihre Talente und Großartigkeit entdecken“, sagt Reifenstein. Dazu zählten unter anderem Projekte im Handwerk, in der Technik, Medienarbeit und im künstlerisch-kreativen Bereich. In dem Cottbuser Treff erstellen die Mädchen zum Beispiel einen Trickfilm für die Livestream-Reihe „Untenrum“, der auf Youtube gezeigt wird. Oder sie bauen aus alten Kannen Lampen.
Auf die Belange von Mädchen einzugehen, sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, findet Reifenstein. „Noch immer sind in bestimmten Berufen wie in Kfz-Betrieben oder Tischlereien und vor allem in Führungspositionen Frauen stark unterrepräsentiert.“ Zwar finde gerade ein langsamer Wandel statt. Auf diesen müsse man aber immer wieder aufmerksam machen, so die Sozialarbeiterin.
Nach einer weltweiten Umfrage der Kinderrechtsorganisation Plan International haben 58 Prozent der Mädchen in sozialen Medien Bedrohungen, Beleidigungen und Diskriminierungen erlebt. In Deutschland sind es sogar 70 Prozent. Befragt wurden 14.000 Mädchen und junge Frauen in 22 Ländern der Welt. Der Bericht wurde zum Weltmädchentag am Sonntag vorgestellt.