Wer Lust auf eine zünftige Henkersmahlzeit hat, der geht im Berlin der 20er-Jahre ins „Sing Sing“. Das Lokal mit dem Namen des berüchtigten US-Zuchthauses ist wie der Speisesaal des Berliner Gefängnisses Plötzensee eingerichtet. Die Kapelle spielt in Häftlingskleidung, die Türsteher knüppeln in Polizeiuniform, das Essen kommt in Blechnäpfen. Ab ein Uhr nachts finden Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl statt. Die Nachtschwärmer, Ganoven, Zuhälter und Prostituierten, die die beste Performance abgeben, bekommen Freibier. „Auch der rechtschaffenste Mensch kann sich dieses Vergnügen leisten“, schreibt Curt Moreck in seinem „Führer durch das Lasterhafte Berlin“.
Der Bestseller aus dem Jahre 1931, der die sagenumwobenen  Kaffeehäuser, Tanzpaläste, Varietes und Unterweltbars beschreibt,  wurde vom be.bra verlag nun neu aufgelegt. Ein Klassiker, der auch das Team der Agentur Zeitreisen zu einer neuen Videobustour inspiriert hat.
Doch von den 899 Ballsälen, die Ende der „Goldenen Zwanziger“ in Berlin eine Konzession hatten, ist heute nicht mal mehr eine Handvoll übrig. Da ist das Ballhaus Berlin in der Chausseestraße mit seinen immer noch funktionierenden Tischtelefonen für das analoge Speeddating. Von dort aus fährt der Bus in die Friedrichstraße. Dort tobte einst das Leben in den Varietés. Wo heute ein neues spanisches Hotel in den Himmel ragt, hatte Hans Albers eine seiner ersten Rollen in der „Komischen Oper“, berichtet Stadtführer Arne Krasting und lässt auf den Busmonitoren ein Filmplakat der Revue „Zieh dich aus“ einspielen. Ein paar Meter weiter nur würde rechts der alte Wintergarten kommen,  wäre er nicht weggebombt worden. Dort tanzte unter künstlichem Sternenhimmel Josephine Baker im Bananenkleid. Schwarzweiß-Filme zeigen schwingende Beine zu Charleston-Musik. „Nachdem Silvester 1918 das Tanzverbot in Berlin aufgehoben worden war, stürzte sich das Volk wie verrückt in die lang entbehrte Lust“, berichtet Krasting.
In dem Reiseführer von Moreck ist das einst beliebte Amüsierviertel Friedrichstraße allerdings schon wieder auf dem deutlich absteigenden Ast. Er hält die  „Komödie vom Sündenbabel Berlin“ in den Kaffeehäusern, Kabaretts und Tanzdielen schon Ende der 20er-Jahre für reinen Touristennepp. „Und doch mache der lüsterne Freund des Nachtlebens ihr auf seiner Tour stets noch einen Anstandsbesuch. „Man erwartet zwar nicht mehr viel von ihr, aber man bringt ihr noch eine kleine Neugierde entgegen.
Also lieber weiter zum Alexanderplatz, wo die Unterwelt in den Kaschemmen ihr Unwesen treibt. „Wer Erlebnisse sucht, Abenteuer verlangt, Sensationen sich erhofft, der wird im Schatten gehen müssen“, schreibt Moreck. Die Macher der Erfolgs-Serie „Babylon Berlin“ aber finden am heutigen Alex nicht mehr viel Kulisse vor. Nur die immer noch modernen Fassaden des Alexander- und Berolinahauses sowie die mintgrünen U-Bahn-Eingänge stammen aus der Zeit, berichtet Krasting, der auch Touren zur Filmgeschichte anbietet.
Verrückt, dass sich Unterweltkönige wie Muskel-Adolf gerade in den Hehlerkneipen neben dem mächtigsten Polizei-Präsidium amüsierten. Aber auch die „Rote Burg“ ist längst Asche und Staub. Als Kulisse nahmen die Babylon-Produzenten einfach das Rote Rathaus.
„Tanz auf dem Vulkan“ heißt die zweieinhalbstündige Tour, die sich auch immer wieder an die Serie anlehnt. Über Potsdamer Platz und  Schwulenviertel geht es auf den Kurfürstendamm. „Alles was ein Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts an Bedürfnissen und Genüssen zu befriedigen hat, das bietet sich auf dieser Wegstrecke“, schreibt Moreck. „Schöne Frauen gehen noch einmal über den Tauntzien. Bevor sie zum Kaffee, zum Fünfuhrtee, zum Nachmittagstanz verschwinden, atmen sie auf dem Weg zum Rendezvous noch einmal die prickelnde Atmosphäre.“
Curt Moreck, Ein Führer durch das lasterhafte Berlin Das deutsche Babylon 1931; bebra verlag: Videobustouren  jeden zweiten Sonntag im Monat: www.zwanziger-jahre-berlin.de