Es sei ein guter Tag, sagt Roland Jahn. Er sei mit einem Grinsen nach Cottbus gefahren. Sein Ziel: das alte Zuchthaus. Dort nimmt der Leiter der Stasiunterlagenbehörde nun als Ehrengast an der Eröffnung der neuen Gedenkstätte teil. Das ehemalige Gefängnis war eines der berüchtigsten in der DDR. Vor allem politische Gefangene wurden dort inhaftiert - Regimegegner oder Ausreisewillige wie Dieter Dombrowski, CDU-Fraktionschef im Brandenburger Landtag, Landtagspräsident Gunter Fritsch, der Schriftsteller Siegmar Faust, Schauspieler Uwe Kockisch oder Roland Jahn, der 1983 einen Monat lang in Cottbus in Haft saß. 30 Jahre später würdigt der 60-Jährige den heutigen Ort der Erinnerung als "Zeichen für die Kraft des Guten" und "als Zeichen für den Triumph der Demokratie über die Diktatur".
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) kann indes nur vermuten, wie schrecklich die Erinnerungen sind, die sich für ehemalige Insassen "mit diesen Mauern verbinden". Ihr Engagement und das vieler anderer Bürger verdiene "höchsten Dank und Respekt", betont Woidke in seiner Festrede.
Mehr als 2,5 Millionen Euro waren in die Umgestaltung des alten Zuchthauses geflossen. Bund, Land und die Stadt Cottbus förderten den Aufbau der Gedenkstätte. Mehrere hunderttausend Euro kamen mithilfe von privaten Spendern zusammen. Fast drei Jahre hat der Umbau gedauert.
Träger der Gedenk-, Bildungs- und Begegnungsstätte ist der Verein Menschenrechtszentrum Cottbus. Ex-Gefangene hatten ihn im Oktober 2007 gegründet. Im Jahr 2011 hatte der Verein das seit 2002 leer stehende Gefängnis gekauft. Dombrowski erinnert sich noch genau an das Gefühl, das er hatte, als er den Kaufvertrag unterschrieb. "Wahnsinn. Wer hätte das vor dem Fall der Mauer auch nur zu denken gewagt."
Mit der offiziellen Einweihung der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus ist am Dienstag, dem Tag der Menschenrechte, auch die multimediale und interaktive Dauerausstellung des Hauses eröffnet worden. Im Erdgeschoss des sanierten Hafthauses 1 erstreckt sich die Schau "Karierte Wolken - Politische Haft im Zuchthaus Cottbus 1933 bis 1989" über 450 Quadratmeter. Fotos, Zeichnungen und andere Dokumente erinnern an das Leid und Unrecht, das vielen Gefangenen dort widerfahren ist. 28 Häftlingsbiografien und Berichte politischer Gefangener geben einen Eindruck von diesem dunklen Kapitel ihres Lebens. Der Verein Menschenrechtszentrum konzentriert sich auf Beispiele aus der NS-Zeit und der SED-Diktatur. Die Geschichte des Gefängnisses reicht jedoch bis zu seiner Eröffnung im Jahr 1860 zurück.
Im zweiten Stock können Besucher eine rekonstruierte Zelle besichtigen. 28 Häftlinge waren in dem etwas mehr als 44 Quadratmeter großen Haftraum einst untergebracht. An den Wänden standen Vierstockbetten, in der Mitte stand ein großer Tisch mit 28 Hockern, zwischen den beiden Fenstern mit Blick durch vergitterte Zellenfenster auf "karierte Wolken" befand sich ein Kübel anstelle der später eingebauten Toilette. Freie Fläche gab es kaum. Die Enge ist erdrückend.
Zeitweise wurden bis zu 1400 Menschen in der für 600 Häftlinge vorgesehenen Anstalt zusammengepfercht. Manche Wärter trugen durch ihr brachiales Auftreten gegenüber den Gefangenen das Übrige zum berüchtigten Ruf von Cottbus bei. Nach der Wende wurden etwa Horst Jahn, genannt "Arafat", und Hubert Schulze, von den Insassen "Roter Terror" getauft, wegen Misshandlungen von Häftlingen zu Haftstrafen verurteilt.
Das Gefängnis war von 1933 bis 1945 ein Frauen-Zuchthaus. Die Ausstellung im früheren Küchenbereich stellt in zwei Räumen unter anderem die Schicksale mehrerer Frauen der NS-Widerstandsgruppe "Weiße Rose" und anderer Gegnerinnen des Nationalsozialismus vor. Fünf weitere Räume sind politischen Häftlingen der DDR gewidmet.Dort wird unter anderem die Haftgeschichte von Dieter Dombrowski erzählt. Dombrowski ist Vorsitzender des Vereins Menschenrechtszentrum Cottbus, der Träger der Gedenkstätte ist und die Ausstellung verantwortet. Der Verein geht davon aus, dass in der DDR bis zu 8000 Menschen aus politischen Gründen in Cottbus inhaftiert waren.