Dann zählt der 53-Jährige auf: "Am nächsten Wochenende wollten die Gemeinden Neu-Küstrinchen im Oderbruch und Siekierki ein Friedensfest angesichts des 75. Jahrestages des Kriegsendes miteinander feiern. Schon Anfang April wollten wir gemeinsam mit der Euroregion Spree-Neiße-Bober unsere Entwicklungskonzepte bis 2027 beraten, auf deren Grundlage es künftige EU-Mittel geben soll. Anfang Mai war der Abschluss des Dialog-Projekts geplant, in dem  Kitas, Schulen und Weiterbildungseinrichtungen über den Ausbau ihrer  Verbindungen debattiert haben."

Fördermittel verlängerbar

Doch all diese und weitere Begegnungen bis hin zum gemeinsamen Stadtfest von  Frankfurt (Oder) und Słubice im Juli mussten abgesagt werden. "Wir haben zwar allen Antragstellern für Fördermittel mitgeteilt, dass sie ihre Vorhaben verlängern können", meint Schiwietz.
Aber das sei nur ein schwacher Trost. Selbst die Abrechnung von Fördermitteln für Begegnungen, die bereits 2019 stattfanden – grenzüberschreitende Radwanderungen, Senioren- und Sportlertreffen –, empfinden die Mitarbeiter der Euroregion derzeit wie Erinnerungen an das Leben auf einem anderen Stern.
"Das Coronavirus hat Deutsche und Polen in getrennte Welten versetzt", beschreibt Schiwietz. Von den polnischen Mitarbeitern in seinem Büro, die alle in Brandenburg leben und deshalb nicht nach Polen in die Quarantäne müssen, hat er erfahren, wie unterschiedlich sie die Gegenwart in beiden Ländern erleben.

Polizeiautos fahren durch Słubice

"Sie berichten von Polizeiautos, die durch Słubice fahren und die Leute per Lautsprecher auffordern, in ihren Häusern zu bleiben. Von Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, in denen die Rede davon ist, dass man alles tun müsse, damit das Coronavirus nicht aus Deutschland nach Polen schwappt. Und von zahlreichen Menschen, die es sogar  gut und nicht schlimm finden, dass die Grenze geschlossen ist. Nur polnische Berufspendler sehen das alles etwas anders."
Die Frage, wie und vor allem wann man vor solch einem Hintergrund wieder an die Rückkehr des grenzüberschreitenden Alltags denken kann, quält Schiwietz förmlich. Seine Antwort ist ausweichend: "Ich bin mir sicher, dass es in beiden Ländern Akteure gibt, die auch an die künftige Zusammenarbeit glauben. Doch ob sie auch wieder andere Leute mitreißen können?"
Dabei hält er eine Pressemitteilung in der Hand, die die Präsidenten des deutsch-französischen Eurodistrikts "Pamina" kürzlich abgegeben haben, zu dem die Regionen Südpfalz, Baden und Elsass gehören. "Der Geist des nationalen Protektionismus ist wieder auferstanden" und "unsere grenzüberschreitende Zusammenarbeit am Oberrhein war noch nie so trostlos" ist darin zu lesen. Gleichzeitig ist von Tausenden Gesten der Solidarität die Rede – zwischen Gesundheitseinrichtungen, Feuerwehren und einfachen Bürgern.

So weit geht Freundschaft nicht

Eine solche gemeinsame Erklärung wäre zwischen den Nachbarn an der Oder "derzeit schwer denkbar", schätzt Schiwietz ein und fügt die Worte hinzu: "So weit geht die Freundschaft nicht."
Der deutsche Präsident der Euroregion und Erste Beigeordnete des Landkreises Märkisch-Oderland, Rainer Schinkel, verweist darauf, dass die Unterschiede in der Wirtschaftskraft zwischen Deutschland und Polen eben doch größer seien als die zwischen Deutschland und Frankreich. Trotzdem habe er selbst kürzlich Kontakt zu Partnern im Landkreis Gorzów gehabt. "Es ging um ein Mehrgenerationenhaus in einem kleinen Ort. Die suchten Partner in unserem Landkreis, um einen gemeinsamen Förderantrag bei der Euroregion zu stellen", berichtet er.

Corona-Sonderfonds in der Euroregion "Pomerania"

Die Euroregion "Pomerania",  zu der die brandenburgischen Landkreise Barnim und Uckermark gehören, hat jetzt 2,9 Millionen Euro bereitgestellt, mit denen grenzüberschreitende Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus gefördert werden können (etwa die Zusammenarbeit medizinischer Einrichtungen) beziehungsweise die für die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zusammenarbeit verwendet werden sollen. Allerdings soll erst im Oktober über die Auswahl der Projekte entschieden werden, die bis zum 2. Juni beantragt werden können. Bei der Euroregion "Pro Europa Viadrina" (Kreise MOL, LOS und Frankfurt/Oder) können Projekte mit maximal 15.000 Euro Förderung beantragt werden.