Der Großteil der Wissenschaftler und Mediziner sieht das Impfen als derzeit einzigen Ausweg aus der Pandemie. Die vierte Welle hat auch Brandenburg bereits überrollt. Die Infektionszahlen in der Lausitz steigen dramatisch. In Spree-Neiße liegt die 7-Tage-Inzidenz bei 1140 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche, in Cottbus bei 918 (Stand: 28. November).
Bei der Impfquote gibt es hingegen nur wenig Bewegung. 61,8 Prozent der Brandenburger sind vollständig geimpft, 64,2 Prozent haben ihre erste Spritze weg. Vor allem junge Menschen verweigern sich – aus Angst vor Spätfolgen.
Wir sprachen mit dem Senftenberger Virologen Prof. Frank T. Hufert über die Argumente der Impfskeptiker und was dahinter steckt. Hier sind seine Antworten auf häufige Einwände von Menschen, die noch immer zögern.

Frankfurt (Oder) / Cottbus

Ich bin gesund und jung. Warum soll ich mich impfen lassen?

Auch junge und gesunde Menschen sind nicht vor einer schweren Erkrankung geschützt. Wie der Verlauf ausfällt, ist im Vorfeld nicht absehbar. Vor schweren Schäden der Lunge, im Herz-Kreislauf- und neurologischem Bereich ist keine Altersgruppe sicher.
Neben dem individuellen Gesundheitsschutz spielt aber auch die Verantwortung für die Gesellschaft eine zentrale Rolle. Nur gemeinsam können wir die Pandemie in den Griff bekommen. Wer sich impfen lässt, schützt also auch seine Mitmenschen.

Der Impfstoff wurde so schnell entwickelt. Ist er überhaupt sicher?

Es ist einer der sichersten Impfstoffe überhaupt. Mittlerweile sind weltweit mehr als sieben Milliarden Covid-19-Impfdosen verimpft worden. Wir kennen die möglichen Nebenwirkungen mittlerweile sehr gut und wissen, dass es keine Langzeitwirkungen gibt.
Theoretisch besteht zwar die Möglichkeit, dass es zu einer Autoimmunerkrankung nach der Impfung kommt. Doch diese würden die Betroffenen auch bekommen, wenn sie sich mit dem Coronavirus infizieren, was bei jedem Ungeimpften früher oder später der Fall sein wird.

Ich traue der mRNA-Technologie nicht. Verändert sie mein Erbgut?

Nein. Seit 20 Jahren gibt es die mRNA-Impfstoffforschung, die vor Corona vor allem bei der Tumortherapie eingesetzt wurde. Die Technik ist also schon viele Jahre erforscht, und die mRNA-Funktion ist seit den 1960er-Jahren bekannt.
Die mRNAs sind kleine Genabschnitte, die nur die Information für die Produktion von einem definierten Eiweißstoff enthalten. Unser Körper stellt solche Moleküle stetig selbst in allen Körperzellen her. Sie funktionieren quasi wie Einkaufszettel, auf denen die Informationen geschrieben stehen.
Haben sie ihre Funktion erfüllt, ist ihr Schicksal das jedes Einkaufszettels: Er wird weggeworfen, die mRNA-Moleküle werden nach Gebrauch abgebaut.

Ich habe Angst vor Langzeitfolgen. Was ist in zehn Jahren? Das weiß heute keiner.

Es sind keine Langzeitfolgen bekannt und durch den schnellen Abbau der mRNA auch nicht zu erwarten. Alle theoretischen Langzeitfolgen wären auch bei einer natürlichen Infektion mit dem Virus zu erwarten. Die mRNA, die im Impfstoff vorliegt, wird auch in der natürlich infizierten Zelle durch das Virus selbst hergestellt.

Ich habe gehört, dass Geimpfte nicht mehr schwanger werden können. Stimmt das?

Nein. Es gibt keine Sterilität, weder bei Frauen noch Männern, die durch die Impfung ausgelöst wird. Das ist eine klassische Fake-News. Selbst Schwangeren wird die Impfung empfohlen. Lediglich in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten gibt es keine Impfempfehlung durch die Ständige Impfkommission (Stiko).

Selbst Geimpfte können das Virus übertragen und sich infizieren. Welchen Sinn hat da die Impfung?

Es stimmt, dass sich bereits geimpfte Menschen infiziert haben. Eine Impfung schützt nicht vor einer Infektion, wohl aber vor Erkrankung und deren Folgen. Einen 100-prozentigen Schutz bietet keine Impfung. Allerdings sind Geimpfte zu 90 Prozent vor schweren Covid-19-Krankheitsverläufen geschützt.
Auch die Gefahr, andere anzustecken, ist geringer, weil Geimpfte das Virus nur kurze Zeit replizieren. Die Impfung bietet also einen guten Schutz vor Krankenhauseinweisung, der Aufnahme auf der Intensivstation und dem Risiko, an Covid-19 zu versterben.

Ein Bekannter von mir liegt seit der Impfung im Koma. Ich habe Angst, dass mir das auch passiert.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist die Impfung nicht die Ursache dafür. Auch während der Impfung oder danach kann es beispielsweise zum Herzinfarkt oder akutem Herzstillstand kommen, ohne dass die Impfung dafür verantwortlich ist. Das manche Menschen nach der Impfung ohnmächtig werden, kommt ebenfalls vor und hat psychische Ursachen. Solche Fälle sind auch bei Blutabnahmen oder anderen kleinen Eingriffen bekannt.
Zu den häufigsten Impfreaktionen gehört Fieber. Wenn Viren fremde Gene in die Zelle einbringen wollen, erfolgt prompt eine Abwehrreaktion des Körpers. Fieber ist ein Zeichen für eine gute Immunabwehr.

Ich finde den Druck, der auf Ungeimpfte ausgeübt wird, unerträglich. Warum reicht regelmäßiges Testen nicht aus?

Einen Virus kann man nicht einfach wegtesten. Er bleibt und zirkuliert in der Bevölkerung. Wichtig ist es, die Bevölkerung vor schweren Verläufen und das Gesundheitsheitssystem vor dem Kollaps zu schützen. Schließlich müssen in den Krankenhäusern auch andere Akut-Patienten wie nach einem Schlaganfall oder Autounfall intensivmedizinisch behandelt werden.

Bei Kindern und Jugendlichen gibt es kaum schwere Krankheitsverläufe. Ist eine Impfung für sie überhaupt sinnvoll?

Tatsächlich haben vor allem kleine Kinder kaum Probleme, oft verläuft bei ihnen die Erkrankung sogar mit geringen Symptomen. Sie verfügen über eine gute starke unspezifische Sofortabwehr, die bei älteren Menschen nicht mehr so gut reagieren kann. Doch auch sie sind vor Folgeerkrankungen wie Long-Covid nicht sicher.
Wenn wir die Kinder nicht impfen, werden wir auch nicht die Herdenimmunität in Deutschland erreichen. Dazu müssten 90 Prozent der Bevölkerung immun sein – entweder durch Impfung oder natürliche Infektion.
Die EMA hat jetzt den Biontech-Impfstoff für Kinder ab fünf Jahren zugelassen, sodass jeder Arzt dieses Medikament einsetzen kann, selbst wenn die Stiko-Empfehlung noch aussteht. Denn diese hat keine unmittelbare rechtliche Wirkung, sondern nur Einfluss auf das soziale Entschädigungsrecht.

Immer wieder gibt es auch Wissenschaftler, die sich mit Zweifeln zur Impfung zu Wort melden. Sind sich selbst die Experten nicht einig?

Doch. Seriöse Wissenschaftler sind sich einig, dass bislang die Impfung der einzige Weg ist, sich vor einer Corona-Infektion effektiv zu schützen und die Pandemie weltweit einzudämmen. Nationale und internationale Fachgesellschaften sprechen ihre Empfehlungen auf der Basis evidenzbasierter Medizin aus. Allerdings gibt es einige Menschen, die Fakten in falsche Zusammenhänge setzen. Bei Menschen, die eine selektive Wahrnehmung, unabhängig von der wissenschaftlich-basierten Faktenlage haben, kommt man selbst mit Argumenten nicht weiter. Hier muss der Staat Verantwortung übernehmen und eine Impfpflicht einführen.
Mehr zu Corona und den Folgen in Brandenburg und Berlin gibt es auf unserer Themenseite.
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