Hütehündin „Ebba“ langweilt sich sichtbar. Denn die Bordercollie-Dame hat nichts zu tun. Statt auf den angrenzenden Weiden stehen die 60 Milchschafe auf dem Hof „Pimpinelle“ in Quappendorf (Märkisch-Oderland) im Stall, fressen gemütlich Heu und zeigen keinerlei Ambitionen davonzulaufen. Viele Tiere der Rasse Krainer Steinschafe sind tragend, in den nächsten Tagen erwarten die Milchschäferinnen Amelie und Franziska Wetzlar die ersten Lämmer.
Der offene, vor einem Jahr eingeweihte Stall, eine moderne, helle Konstruktion mit viel Holz, ist der ganze Stolz des Ehepaares, das aus Süddeutschland stammt und sich vor über zehn Jahren im Oderbruch niederließ. Der alte Bauernhof in Quappendorf stand damals zum Verkauf: Ein Wohnhaus, zwei Stallgebäude sowie eine Scheune.

Ständige Frischluft für die Schafe

Mit Hilfe von Crowdfunding, Fördermitteln und einem Kredit hatten sie nach Jahren den neuen 120 000 Euro teuren, etwa 300 Quadratmeter großen Stall finanziert. „Zwei Jahre geplant, zwei Monate gebaut“, berichtet Amelie Wetzlar. Durch die offene Bauweise ist er vor allem Wind- und Wetterschutz. Die Schafe stehen quasi immer an der frischen Luft. Zwei Liter gibt ein Milchschaf auf dem „Pimpinellenhof“ pro Tag, 12 000 Liter pro Jahr werden verarbeitet.
Im Augenblick bauen die beiden Milchschäferinnen den Melkstand im alten Schafstall um. Denn gemolken wird erst ab März wieder. Ab April, wenn die Lämmer nicht mehr gesäugt werden, sogar zweimal am Tag. Vom Melkstand aus fließt die Rohmilch durch ein Rohr in den Käsekessel. Dort macht sich Franziska Wetzlar an die Weiterverarbeitung zu Hart- und Weichkäse, Schnitt- und Frischkäse, Ricotta, Blauschimmel, Grillkäse, Joghurt und Quark. Die jeweils zwei Kilogramm schweren Käselaibe reifen auf Fichtenholzbrettern und werden lediglich mit Salzwasser benetzt. Dadurch entsteht eine goldgelbe Naturrinde, der Käse entwickelt sein kräftiges Aroma.

Direktvermarktung wegen Corona ausgeweitet

Der Hofladen mit den 16 Käse-, Quark- und Joghurtsorten sowie Lammfleisch, Wurst und Schinken ist derzeit geschlossen - da bereits im vergangenen Herbst leer gekauft, wie Franziska Wetzlar stolz erzählt. Lediglich der Hartkäse reife noch bis zum Frühjahr. „Wir hatten aufgrund der Coronakrise unsere Direktvermarktung im vergangenen Jahr ausgeweitet. Der Hofladen war so stark frequentiert, dass wir die Lieferung an Bioläden in der Region sowie in Berlin nahezu eingestellt haben“, sagt die 44-jährige studierte Soziologin. „Im Hofladen können die Kunden probieren und wir bekommen sofort eine Resonanz. Das macht einfach Spaß, zumal sich viele auch für die Herstellung unser Milchprodukte interessieren“, ergänzt ihre Partnerin.
Rund 470 Direktvermarkter mit Hof- und Regionalläden gibt es nach Angaben des Verbandes Pro Agro in Brandenburg. „Die Nachfrage nach regional produzierten Lebensmitteln ist mit Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 enorm gestiegen“, sagt Verbandssprecherin Stephanie Guhl. Die Verbraucher ernährten sich bewusster und legten mehr Wert auf Regionalität.

Käufer aus ganz Brandenburg und Berlin

Das sehen auch die Quappendorfer Milchschäferinnen so. Sie freut das spürbare Umdenken der Kunden. Der „Pimpinellenhof“ habe inzwischen einen Kundenstamm von 60 regelmäßigen Käufern. „Die Leute kommen aus ganz Brandenburg und auch aus Berlin“, sagt Franziska Wetzlar. Sie finde das auch deshalb bemerkenswert, weil ihr Anwesen nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sei.
Das Ehepaar aus dem Oderbruch gehört zu den Initiatoren der Brandenburger Milch- und Käsestraße: 34 Hofkäsereien der Mark, in denen Milch von Kühen, Schafen, Ziegen oder Büffeln handwerklich verarbeitet wird, haben sich zwecks Vermarktung zusammengeschlossen. „Es ist ein Netzwerk entstanden, dass den Austausch pflegt, sich dadurch weiterentwickelt und beim Verbraucher stärker sichtbar ist“, sagt Pro-Agro-Sprecherin Guhl.

Hofkäse im Trend

Hofkäsereien lägen im Trend, bestätigt Marc Albrecht-Seidel vom Verband für handwerkliche Milchverarbeitung im ökologischen Landbau, der insgesamt 800 Mitglieder deutschlandweit vertritt. „Das liegt vor allem an den Milchpreisen, mit denen Erzeuger nicht kostendeckend arbeiten können. Außerdem gibt es keine Molkereien, die Schafs-, Ziegen- oder Büffelmilch zentral verarbeiten. Und drittens steigt die Nachfrage gerade nach Milch, die nicht von Kühen stammt, bei Laktose-Allergikern“, erklärt er.
Die Milchschäferinnen aus dem Oderbruch wollen auch Kleinerzeuger aus der Region stärker vernetzen, inklusive Gärtnereien und Landwirte. Eine Idee, deren Umsetzung in Corona-Zeiten allerdings schwierig ist. „Zoom-Konferenzen auf dem Land sind eine echte Herausforderung“, schmunzelt die studierte Agar-Geografin Amelie Wetzlar. Trotz der technischen Widrigkeiten fühlen sie und ihre Frau sich angekommen in Brandenburg, jetzt, wo sie 16 Hektar Weideland auch langfristig pachten konnten. „Land zu kaufen, ist für kleine Betriebe angesichts der Preise nicht machbar. Jetzt haben wir aber endlich sichere Pachtverträge“, erklärt die 42-Jährige. Und wenn sie hätten nicht bleiben wollen, wäre auch der neue Stall nicht gebaut worden.
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