Spirale der Angst

"Keine Perspektiven für Familien, der Gang zum Arbeitsamt oder Psychiater wird immer wahrscheinlicher", heißt es in dem Text, der in kurzer Zeit 1000 Unterstützer gefunden hat. "Urlaube sind aufgebraucht, Kinder in einer Spirale von Unausgeglichenheit, Überforderung, Unterforderung, Angst und Sehnsucht." Ärzte würden vor den Folgen warnen. Deshalb lautet der Titel der Petition: "Kitas und Schulen in Brandenburg sofort ohne Einschränkungen öffnen".
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Melanie Hermann hofft, dass sie die Politiker erreicht. "Ich möchte mit dem Ministerpräsidenten sprechen und ihm schildern, wie es in unserer Familie aussieht." Das scheine den Verantwortlichen nicht klar zu sein, wenn sie am Schreibtisch über Schulen und Kitas entscheiden. Ihre zwei jüngsten Söhne sind im Kindergarten-Alter, die anderen beiden gehen in die vierte beziehungsweise zehnte Klasse. "Wie soll ich die beiden jüngsten ruhig stellen, um mit den beiden anderen Home-Schooling zu machen?", fragt Melanie Hermann.
Sie selbst hatte vor, jetzt eine neue Arbeitsstelle anzunehmen. Das könne sie sich natürlich abschminken, erzählt die Mutter. Die jüngste Ankündigung des Landes, den Landkreisen freie Hand bei den Kita-Öffnungen zu lassen, laufe für sie ins Leere. "Diese angeblichen Lockerungen bringen doch nichts, wenn die Hygieneregeln unverändert bleiben", findet Melanie Hermann. Sie könne ihre Kinder nun ein Mal in der Woche für drei Stunden in die Kita bringen. Dem Kindergarten sei kein Vorwurf zu machen. Aber für ihre Familie sei der seit nunmehr zehn Wochen andauernde Ausnahmezustand unzumutbar, zumal auch für ihre Schulkinder keine Besserung in Sicht sei.
Maximilian Wonke sind diese Klagen vertraut. "Meine Verwaltungsmitarbeiter haben derzeit ständig mit Eltern zu tun, die die Welt nicht mehr verstehen", sagt der Bürgermeister der Gemeinde Panketal. Ihm gehe es ja ähnlich. In Sachen Kita-Öffnung fordere das Land nun also die Kommunen auf, die Eindämmungsverordnung frei auszulegen oder gleich gänzlich zu ignorieren. "In was für einem Rechtsstaat leben wir denn?", wundert sich der SPD-Politiker. "Haben Gesetze und Verordnungen im Land Brandenburg nur noch hinweisenden und beratenden Charakter?" Sein Appell an die Parteikollegen auf Landesebene lautet, den Austausch mit der kommunalen Ebene zu suchen.
Während Mütter und Väter von Kita-Kindern nach wie vor um schnelle Verbesserungen bei den Betreuungszeiten kämpfen, haben Elternvertreter im Schulbereich das laufende Schuljahr bereits abgeschrieben. "Natürlich zählt eigentlich jede Woche", sagt René Mertens, der Sprecher des Landeselternrats. "Aber offenbar will niemand die Verantwortung für eine weitere Öffnung der Schulen übernehmen." Die Politik handele nach dem Motto: Wer nichts macht, kann auch nichts falsch machen. "Aber so löst man natürlich keine Probleme."
Mögliche Schulangebots-Verbesserungen auf lokaler Ebene ähnlich wie im Kita-Bereich in manchen Landkreisen seien wünschenswert und besser als nichts, ergänzt der Elternsprecher, dessen landesweiter Blick sich bereits auf das kommende Schuljahr richtet. Dass das Ministerium dafür noch keine Strategie vorgelegt habe, bereite ihm Sorgen, sagt Mertens. So geht es auch Thorsten Ziedek, Vize-Elternsprecher am Frankfurter Liebknecht-Gymnasium. "Schüler und Eltern sind total verunsichert. Sie müssen jetzt wissen, wo der Zug ab August hinfährt." Der Lehrplan und die Prüfungen 2021 müssten sich daran orientieren, dass acht Wochen Unterrichtsstoff unaufholbar verloren sind, fordert Ziedek.

Ruf nach mehr Geld für die Schulen


Eltern beklagen, dass bei der Debatte über Corona-Hilfen der Bildungsbereich kaum eine Rolle spiele. Es werde über Notprogramme für die Wirtschaft geredet, Aussagen zu den Schulen gebe es nicht, so Thorsten Ziedek, Vize-Elternsprecher am Frankfurter Liebknecht-Gymnasium. Das Land müsse Kommunen zweckgebunden Geld für die Digitalisierung der Schulen geben, fordert er. mat