Ein hölzerner Drachenkopf reckt sich schon in den Himmel über der Potsdamer Havellandschaft. Er schmückt das Dach der Ventehalle - das ist Norwegisch und bedeutet Wartehalle. Das Original des Holzbaus hatte sich Kaiser Wilhelm II. bei seinen Nordlandfahrten in Kristiania (heute Oslo) bestellt, vorproduzieren und liefern lassen. 1896 war alles zwischen Glienicker Brücke und Neuem Garten aufgebaut.
Insgesamt bildeten vier Holzhäuser im Karree die sogenannte Matrosenstation Kongsnæs (königliche Landzunge). Die mit Schnitzereien verzierte Ventehalle diente der kaiserlichen Familie als Zwischenstation beim Besteigen ihrer Yachten. Am Ende des Zweiten Weltkrieges brannte das Gebäude ab. Später wälzte sich der Mauerbau über das Gelände, und nur ein bastionsartiges Stück Kaimauer sowie die arg mitgenommenen drei kleineren Holzbauten für die Boote, den Kapitän und die Mannschaft überlebten als Erinnerung an den einst prominenten Blickfang in der Parklandschaft zwischen Berlin und Potsdam.
Auch technische Geschichte wurde hier geschrieben. 1897 gelang dem Berliner Physiker Adolf Slaby die erste drahtlose Telegrafie zwischen der Heilandskirche Sacrow und der gegenüber liegenden Matrosenstation Kongsnæs. Der Kaiser stellte den Mast der Ventehalle zur Verfügung, weil er sich einen Nutzen für die Marine von der neuartigen Funkverbindung versprach.
In den 90ern begann ein rühriger Verein, das Gedächtnis an das verschwundene Gebäude und die wenig beachteten Matrosenhäuser aufrechtzuerhalten. Zuerst wurde im Jahr 2000 der rotbraune Torbogen rekonstruiert und aufgestellt. Der drachenverzierte Querbalken allein in der weiten Havellandschaft gemahnte zunächst an den Schmuck eines Chinarestaurants. Jetzt, da der Kontext in Form der kaiserlichen Wartehalle ebenfalls mit Drachenschmuck wieder entsteht, ändert sich dieser Eindruck.
Seit 2009 bemüht sich nämlich ein Berliner Unternehmer um den Wiederaufbau der Ventehalle. Aber Potsdam wäre nicht Potsdam, wenn das nicht mit reichlich Streit verbunden gewesen wäre. Die Denkmalpflege und die Schlösserstiftung fanden zunächst den geplanten Bootssteg zu lang. Es wurde nachgebessert, und das Kulturministerium stellte sich letztlich auf die Seite des Investors.
Gravierender war der Widerstand der Anwohner, darunter Ex-"Bild"-Herausgeber Kai Diekmann und TV-Moderator Johannes B. Kerner. Die fürchteten zu viel Betrieb durch die geplante Gastronomie, zu viel Verkehr in der idyllischen Schwanenallee und klagten vor dem Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht. Es kam zu Verzögerungen, gestoppt werden konnte das Vorhaben nicht.
Ende März konnte trotzdem Richtfest gefeiert werden. Die Holzkonstruktion, die eine Firma aus Danzig lieferte, ist aufgestellt. Ein kleiner holzverkleideter Würfelbau beinhaltet technische und sanitäre Anlagen. In diesem Sommer sollen die ersten Gäste bewirtet werden. 60 Plätze im Inneren und 30 auf der Terrasse sind vorgesehen, weniger als ursprünglich mal in Rede standen.
Am Bootssteg könnte der Nachbau der "Royal Louise", der in den 90er-Jahren entstanden ist und die Havel befährt, hier festmachen. Die drei noch erhaltenen Holzhäuser der Matrosenstation sollen in den nächsten Jahren denkmalgerecht saniert und vermietet werden. Auf jeden Fall scheint Potsdam bald um eine weitere Attraktion reicher zu werden und ein wenig "skandinavischer" zu werden.