Der erste Kernreaktor in einem der sozialistischen Bruderstaaten diente auch der sowjetischen Leistungsschau.50 Jahre später und 26 Jahre nach der Stilllegung strahlen Teile der Anlage noch immer - wenn auch in geringem Ausmaß.
Die einstige Ausbildungsstätte für DDR-Atomtechniker ist heute ein Lehrstück für die Dauer und immensen Kosten des Atomkraftwerk-Rückbaus.Der Druckwasserreaktor in Rheinsberg dient in erster Linie als Vorläufer für das später errichtete, deutlich leistungsstärkere Kraftwerk in Lubmin bei Greifswald.
In Rheinsberg sammeln die DDR-Physiker und -Techniker die nötigen Erfahrungen. Doch das Kraftwerk produziert mit seinen 70 Megawatt Bruttoleistung auch Strom, und zwar genug, um die Privathaushalte einer ganzen Stadt wie Leipzig zu versorgen.
Damit handelt es sich nicht um einen reinen Forschungsreaktor wie beim 1962 gestarteten Kernkraftwerk Kahl in Bayern. Westdeutschlands erstes Atomkraftwerk zur Stromversorgung, Gundremmingen in Bayern, wird erst wenige Monate nach Rheinsberg eröffnet.
Viele hundert DDR-Arbeiter durchlaufen bis Ende der 80er Jahre in Rheinsberg eine dreiwöchige Schulung. Die meisten von ihnen arbeiten für das Kombinat Kernkraftwerke "Bruno Leuschner", dem Betreiber von Rheinsberg und Lubmin.
Die sogenannte "KKW-Schule" absolviert auch Marlies Philipp, bevor sie 1979 in Lubmin arbeitet. "Das hätte ich nie gedacht, dass ich 2016 noch hier sitze", sagt die Diplom-Kristallografin mit der roten Kurzhaarfrisur lachend. Denn mit der Wiedervereinigung galten beide Anlagen als unsicher und wurden stillgelegt. Die fast 6000 Beschäftigten standen vor dem Aus.
Ein Vierteljahrhundert später beschäftigt der Nachfolgebetreiber Energiewerke Nord (EWN) noch immer 2000 Menschen in Lubmin und 200 in Rheinsberg. Philipp erklärt als EWN-Sprecherin, was ihre Kollegen täglich tun: ihren Arbeitsplatz demontieren. Und das dauert inzwischen länger, als die Kraftwerke überhaupt betrieben wurden. Denn der Rückbau ist komplex, zeitintensiv und teuer.
Noch 2004 bezifferte der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) die Kosten für den Rückbau des Akw-Rheinsberg mit 400 Millionen Euro, geplante Fertigstellung: 2011. Inzwischen rechnet EWN mit etwa 800 Millionen Euro sowie einer vollständigen Dekontaminierung aller Gebäude bis zum Jahr 2020. Der danach noch einmal fünf Jahre dauernde Abriss der allermeisten Gebäude war 2004 noch gar nicht vorgesehen.Hinzu kommen allein für Rheinsberg 200 Millionen Euro Zwischenlagerungskosten, weil Deutschland noch kein Atommüllendlager hat. Das Bundesfinanzministerium als Eigner der EWN wird nach derzeitiger Planung sechs Milliarden Euro Steuergeld für die Abwicklung der beiden DDR-Akw ausgeben.
"Nach unserer Erfahrung kostet der Rückbau eines Kraftwerksblocks unabhängig von seiner Leistung jeweils rund 750 Millionen Euro", sagt Philipp. "Die Zahlen sind übertragbar." Die Atomkommission des Bundes hat vorgeschlagen, die vier großen Akw-Betreiber zu verpflichten, für den Rückbau aller übrigen Akw insgesamt 20 Milliarden Euro zurückzustellen. Das wäre demnach zu wenig.
Philipp betont noch eine weitere wichtige Lektion aus Rheinsberg: "Es hat sich bewährt, dass die alten Mitarbeiter den Rückbau gemacht haben, die das Kraftwerk bis in jeden Winkel kannten." Wenn die Akw-Betreiber nun ihre Mitarbeiter nach Hause schickten oder die entkernten, aber die kontaminierten Kraftwerksgebäude vor dem Abriss über Jahrzehnte ausstrahlen ließen, fehle beim eigentlichen Abriss wichtiges Expertenwissen.