Frisch und meinungsstark wie eh und je, nur zurückhaltender im Temperament - so präsentiert sich der Ex-General Jörg Schönbohm in einem Potsdamer Restaurant. Äußerlich macht er nach seiner schweren Erkrankung einen sehr guten Eindruck. Im März hatte er einen Schlaganfall erlitten, inzwischen spielt er aber auch wieder Tennis. Beim Sprechen wird ihm lediglich bei einzelnen Worten kurz die Zunge schwer. Und inhaltlich ist er sowieso der Alte, was ihm Contra von der aktuellen Führungsspitze des CDU-Landesverbands einbringt.
Aber der Reihe nach. Am 2. September ist Schönbohm 75 Jahre alt geworden. Grund genug für ein Ständchen der Diskussionsteilnehmer. Auch mit dem Thema der Veranstaltung hat die CDU-nahe Stiftung Schönbohm, dem harten Hund - wie er sich gerne selber sieht -, sicher eine Freude gemacht. Es lautet: "Konservative Rebellion? Was will der Berliner Kreis der CDU?"
Schönbohm sagt, die Arbeit jener Gruppe von CDU-Bundespolitikern biete "ein konservatives Gerüst, das in die Zukunft zeigt". Ziel sei eine Erneuerung der Partei. Konkret gehöre zu diesem Konservatismus etwa die Überzeugung, "dass Kinder in den ersten drei Lebensjahren bei ihrer Mutter am besten aufgehoben sind". Nach diesen Werten gebe es in der Gesellschaft "eine unausgesprochene Sehnsucht". Schönbohm ist überzeugt: "Zumindest die Leute auf dem Land sind noch konservativ gepolt." Leider würden die Gedanken des Berliner Kreises innerhalb der CDU für Unruhe sorgen, bedauert Brandenburgs Ex-Innenminister. "Grundlos", wie er findet. "Die Gruppe ist offen, gesprächsbereit und sucht die Auseinandersetzung." Zu der kommt es an dem Abend tatsächlich. Zunächst beklagen weitere Redner auf dem Podium - der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Dörflinger und der Publizist Alexander Gauland - das Verblassen konservativer Werte, einen allgemeinen Linksruck in der Gesellschaft sowie den Profilverlust der CDU unter Parteichefin Angela Merkel. "Wehrpflicht, Elterngeld, Energiewende - die Partei hatte nie Zeit für Diskussionen. Alles wurde von ein, zwei Leuten entschieden", kritisiert Dörflinger. Damit habe man Stammwähler verprellt.
Barbara Richstein, Vizechefin der Brandenburger CDU, ist die erste, die sich nach den Vorträgen im Publikum zu Wort meldet. "Auch CDU-Politik muss sich an den Realitäten orientieren", widerspricht sie den Vorrednern. "Dazu gehört, dass in Brandenburg 50 Prozent der Kinder nicht in klassischen Familien aufwachsen." Investitionen in Kita-Plätze seien deshalb wichtiger als das Betreuungsgeld.
Darüber hinaus bedeute ein Mehr an Konservatismus keineswegs automatisch eine bessere Diskussionskultur in der Partei. Das habe sie leidvoll erfahren müssen. Richstein spielt auf die Jahre unter der vor zwei Wochen zurückgetretenen Landeschefin Saskia Ludwig an. "Ich wollte zum Beispiel dafür werben, dass der Staat künstliche Befruchtung finanziell fördert. Aber diese Diskussion ist mir abgebrochen worden", bedauert Richstein. Pikant ist, dass Saskia Ludwig ausgerechnet ein Text für die rechtskonservative "Junge Freiheit" anlässlich von Schönbohms 75. zum Verhängnis geworden war. In ihrem Beitrag hatte sie von einer angeblichen Verschwörung Brandenburger Medien gegen Schönbohm und sein konservatives Weltbild geschrieben. Dem Jubilar war das unangenehm: "Da ist sie über das Ziel hinausgeschossen", sagte er kürzlich über Ludwig. Am Dienstag äußert er sich dazu nicht.
Stattdessen geht in der Diskussion auch Hans-Peter Pohl, CDU-Politiker aus Potsdam, mit dem Berliner Kreis hart ins Gericht. "Mitte ist besser als rechtskonservativ", findet er. "Angela Merkel führt uns gut durch allerlei Wirrnisse." Auch früher seien es nicht Konservative, sondern Modernisierer gewesen, die die Partei vorangebracht hätten - wie Kurt Biedenkopf und Heiner Geissler.
Verärgert zeigen sich Richstein und Pohl über einen Vergleich, den Dörflinger anstellt. Er beschreibt die CDU als Bäcker, der anerkannt gutes Schwarzbrot macht, es nun aber auch mit Kuchen versucht, woraufhin die Kunden, sprich: die Wähler, ihren Kuchen weiterhin bei der Konkurrenz (der SPD) kaufen und der Bäcker auch sein Schwarzbrot nicht mehr los wird. Dörflingers Fazit: Die CDU müsse bei Schwarzbrot - konservativer Politik - bleiben. Der leidenschaftliche Widerspruch von Richstein und Pohl: Nein, Kuchen sei wichtig. "Auch die CDU-Stammwähler entwickeln sich weiter."
Schönbohm geht auf die Auseinandersetzung nicht ein, reicht das Mikrofon weiter. Aber zur Brandenburger CDU sagt er dann doch etwas. Sie müsse sich "neu finden" und schnell die Oppositionsführung übernehmen. Bei der nächsten Landtagswahl gelte es, vor den Linken zweitstärkste Kraft in Brandenburg zu werden und dann in eine Regierung mit der SPD, an deren Führungsrolle sich "über Jahre" nichts ändern werde, einzutreten.