Doch dann gewann bei der jüngsten Bundestagswahl nicht der Bundesvorsitzende der AfD das Direktmandat, sondern der bekanntermaßen flüchtlingsfreundliche Martin Patzelt von der CDU. Und als Oberbürgermeister sitzt seit Kurzem der Linke René Wilke im Rathaus. Seither vernimmt man in überregionalen Medien ganz andere Schlagzeilen – von der neugierigen Reportage über den Umgang mit Flüchtlingen im „heute journal“ bis zum euphorischen Ausruf der linken „taz“: „We love Frankfurt (Oder)“ .
Was ist dran an diesem Image-Wandel? Kann die Stadt gar zum Beispiel für „ein neues Mutbürgertum in ostdeutschen Kommunen“ werden? Diese Fragen wurde am Dienstagabend an der Europa-Universität diskutiert.
Erfreulicherweise rückt der vor zwei Monaten ins Amt gekommene René Wilke das Bild gleich zu Beginn etwas gerade. Im taz-Arikel („der natürlich in meinem Büro hängt“) werde doch „vieles ein bisschen schöngeredet“. Die Realität sei „differenzierter“.
Wilke spricht von „Parallelgesellschaften“ und beschreibt, was er damit meint: Mit den zahlreichen deutsch-polnischen Projekten oder auch der Europa-Uni hätten viele Bewohner „gar nichts zu tun“. Angesichts kaputter Gehwege und fehlender Einkaufsmöglichkeiten in den Ortsteilen fehle ihnen auch jedes Verständnis „dass gleichzeitig über eine neue Oder-Philharmonie geredet wird“.
Wilke deutet an, dass er diese Parallelgesellschaften „einander aussetzen“ will. Sein Anspruch, „die Bürger ernst zu nehmen“, klingt freilich fast wie ein Experiment, über dessen Ausgang er sich selbst nicht sicher ist. Seine Diagnose, „dass wir nicht mehr ständig versuchen sollten, diese Stadt zu rechtfertigen und ihre Bedeutung nachweisen zu müssen“, ist freilich vielversprechend.
Als Beispiele für Chancen, die nach seiner Meinung auf der Hand liegen, nennt er den sich langsam bis an die Oder ausdehnenden Speckgürtel um Berlin, verbunden mit der Möglichkeit, in Frankfurt ein entspannteres Leben führen zu können als in der Hauptstadt.
Auch der Politikwissenschaftler Timm Beichelt von der Viadrina differenziert: Einerseits seien viele seiner Kollegen „noch nie in Polen oder im Frankfurter Kleist-Forum gewesen“. Andererseits hätte die gegenwärtige Studenten-Generation längst festgestellt, dass es „cool“ sei, Berlin und Frankfurt miteinander zu kombinieren. Den Frankfurtern gibt er freilich den Rat „abends weniger Fernsehen zu schauen“ und stattdessen „ihre Fensterläden zu öffnen“. Sehr positiv habe er bereits die Debatte über die Zukunft der Stadt innerhalb des OB-Wahlkampfes empfunden.
Der Ex-Frankfurter Christian Bangel, der in der Online-Redaktion der „Zeit“ arbeitet, freut sich darüber, „dass man sich als in Hamburg oder Stuttgart lebender Frankfurter wieder zu seiner Heimatstadt bekennen kann“ und dass hier der Umgang mit Flüchtlingen viel offener und pragmatischer sei als etwa in Cottbus.
Auch aus dem Publikum kommt positives Echo: Eine Studierende bekennt, dass sie sich längst als Frankfurterin fühlt, ihr Nachbar beklagt dagegen fehlende Orte zur Kontaktaufnahme zwischen Studierenden und „Normalbürgern“. Ein ehrenamtlicher Stadtführer berichtet, dass er Besuchern gern „die schönen Ecken, aber auch die Probleme“ seiner Stadt zeige.
„Wir sind erst am Anfang“, meint René Wilke. Doch selbst eine Dreckecke in der Stadt wirke „weniger dreckig, wenn erst mal die Stimmung besser ist“.