In vielen ehemals deutschen Orten jenseits der Oder schlummern Geschichten, die den heutigen polnischen Bewohnern nicht oder nur bruchstückhaft bekannt sind. Deshalb ist das, was sich derzeit im Städtchen Slonsk - dem einstigen Sonnenburg - tut, umso bemerkenswerter.
Der nur 15 Kilometer östlich von Küstrin gelegene kleine Ort kann auf eine große Historie zurückblicken. Denn fast 500 Jahre lang - von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum Beginn der Nazizeit - befand sich hier der Sitz der Balley Brandenburg des Johanniterordens. Dem Orden wurden nach der Inbesitznahme der Neumark durch die Brandenburger Herrscher erhebliche Gebiete übertragen. Die große Sonnenburger Kirche, die das Warthebruch weithin überragt, ist das stolzeste Zeugnis dieser Vergangenheit.
Im vergangenen Jahr hatten zwei Deutsche ein Buch über das "Westminister des Lebuser Landes" veröffentlicht. Ernst-Jürgen Schilling, einer der beiden Autoren, kann von sich behaupten, der wohl letzte in Sonnenburg geborene Deutsche zu sein. "Ich kam am 22. Januar 1945 auf die Welt, nur acht Tage später trat meine Mutter mit mir die Flucht vor der Roten Armee an", berichtet er. Seinen leiblichen Vater hat er nie kennengelernt, denn der war schon vor seiner Geburt an der Front gefallen.
Großvater Ernst Schilling jedoch war von 1889 bis zum Zweiten Weltkrieg Herausgeber der Zeitung "Sonnenburger Anzeiger" gewesen. Sein Enkel setzt also mit dem Buch, das er gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Eberhard Stege schrieb, eine Familientradition fort.
"Dass der Johanniter-Orden in den 1990er-Jahren mit der Sanierung der stark baufälligen Kirche begann, war für mich Anlass, mich der Geschichte meines Geburtsortes zu widmen", berichtet Schilling. Unterlagen fanden sich im Brandenburgischen Landeshauptarchiv sowie im Geheimen Staatsarchiv Berlin-Dahlem.
Das Buch endet aber nicht mit der Vertreibung der Deutschen, sondern berichtet in Grundzügen auch über die polnische Nachkriegsgeschichte sowie über die Begegnungen, die sich seit Mitte der 1990er-Jahre zwischen einstigen und heutigen Bewohnern des Ortes entwickelten.
Im wahrsten Sinne des Wortes ein "Engel" begegnete Schilling in der Polin Izabella Engel. Die Försterin interessiert sich ebenso intensiv wie der Deutsche für Geschichte und leitet den "Verein der Freunde von Slonsk". "Durch die Kontakte mit den Deutschen haben wir viel über die Geschichte unseres Ortes erfahren", sagt sie. Auch polnische Schüler beschäftigen sich inzwischen mit der Historie, zum Beispiel in der Heimatstube, die der Verein initiierte.
Gestern unterschrieben Izabella Engel und Ernst-Jürgen Schilling einen Vertrag über die Übersetzung des Buches. Schon am 24. Juni 2012, wenn Sonnenburger und Slonsker ihr nächstes gemeinsames Fest feiern, soll es auf Polnisch erscheinen.
Ernst-Jürgen Schilling, Eberhard Stege: "Das Westminister des Lebuser Landes", Individuell Verlag & Werbeagentur Schöneiche, 2010, 256 Seiten, 19,50 Euro, ISBN 978-3-935552-37-0