"Feuer und Flamme der Abschiebebehörde!" Als die Gruppe der gut 150 Demonstranten sich gegen 16 Uhr dem Gelände der Zentralen Ausländerbehörde (ZABH) in Eisenhüttenstadt nähert, macht sie lautstark klar, wo in ihren Augen der Feind steht. Sie schwenken Fahnen und Transparente, auf denen von "Deportation" zu lesen ist und davon, dass Abschiebung Mord sei.
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Mit dem Zug sind sie aus Berlin nach Eisenhüttenstadt gekommen, die Frauen und Männer, von denen die Mehrheit seit Monaten im Camp der protestierenden Geflüchteten auf dem Oranienplatz lebt, um ein Bleiberecht für alle, ein Ende der Abschiebungen und die Aufhebung der Residenzpflicht für Asylbewerber zu erreichen. Sie kommen aus Afrika, aus Südosteuropa, aus dem Irak. Ihnen angeschlossen haben sich deutsche Unterstützer. Im Protestmarsch ziehen sie zum Tor der ZABH.
Dort bleibt zunächst alles friedlich. Ein einzelner Polizeiwagen steht am Tor, der Großteil der Einsatzkräfte hält sich irgendwo im Hintergrund. Einige Männer stecken Blumen ins Torgitter, warten ab. Dann drängen die Demonstranten zum Eingang, drücken gegen das Tor - dem Wachmann des privaten Sicherheitsdienstes bleibt nichts anderes übrig, als die Torflügel zu öffnen. Jubelnd zieht die Menge auf das Gelände.
Im Innenhof eine Gedenkkundgebung für Juma A., der sich am 28. Mai im Wohnheim der ZABH erhängt hatte, abhalten, nach einer halben Stunde abziehen, demonstrierend durch die Stadt laufen und sich dann in der ZABH zur Abschlusskundgebung treffen - so sieht der Plan der Veranstalter aus. Doch es kommt anders. Die Selbsttötung war nicht Anlass dieser Demonstration, der Protest war schon früher geplant worden.
Nach dem Gedenken an Juma A. verlassen die Demonstranten das Gelände nicht, sondern ziehen zur Abschiebehaftanstalt, die sich ebenfalls auf dem Areal befindet. Einige Frauen aus Tschetschenien und Serben ahnen wohl, was gleich kommt, bringen ihre Kinder in Sicherheit. Die Demonstranten fordern die Befreiung der Häftlinge, rütteln an Zaun und Tor. Zwei junge Männer beginnen damit, die Signalkabel abzureißen. Dann schleppen einige Männer einen stählernen Fahrradständer an. Sie benutzen ihn als Rammbock, stoßen ihn wieder und immer wieder gegen die Tür. Unter dem Druck der Stöße löst sich der Maschendraht vom Türrahmen, die Menge jubelt. Nur wenige Leute versuchen, der Gewalt Einhalt zu gebieten.
Als es einem jungen Afrikaner gelingt, durch das Loch im Zaun in den Bereich der Haftanstalt zu klettern, rückt die Polizei an. Mehrere junge Leute bilden eine Menschenkette vor dem Tor, schützen ihre Mitstreiter, die weiter gegen das Tor schlagen. Andere bedrängen die Polizisten. Diese setzten Schlagstöcke und Reizgas ein. Kräfte des Antikonfliktteams der Polizei versuchen, mit den wütenden Demonstranten ins Gespräch zu kommen. "Deutsche Polizisten - Nazis und Faschisten", ertönen Rufe. Nach kurzen Rangeleien beruhigt sich die Lage allmählich. Mehr als eine Stunde dauert es, bis die Flüchtlinge und ihre deutschen Unterstützer bereit sind, das Areal wieder zu verlassen.
"Ich bin entsetzt über diese Gewalt", sagt Annelie Thürk, Sozialbetreuerin in der ZABH. "Damit erreichen die Demonstranten genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollten."
Belagerung: Ein Demonstrant versucht, das mit Stacheldraht gesicherte Tor der Abschiebehaftanstalt zu überwinden. Weil ihm das nicht geling, befestigt er Transparente im Draht.Foto: MOZ/Gerrit Freitag