Niedersachsen will weg vom "Turbo-Abitur" nach zwölf Jahren, Hessen hat den Schritt schon hinter sich, und in Bayern läuft das Volksbegehren für eine Wahlfreiheit zwischen dem kurzen und dem längeren Weg zum Abitur. Hintergrund sind massive Beschwerden von Familien über Dauerstress und Überlastung der Schüler, da mit Verkürzung der Abiturzeit die Lehrpläne kaum verändert wurden, also nun der gleiche Stoff in kürzerer Zeit vermittelt wird.
Auch in Brandenburg, wo seit 2006 an Gymnasien das Abitur nach zwölf Jahren erlangt wird, gibt es Klagen. "In der 11. Klasse kommen die Jugendlichen kaum zu Freizeitaktivitäten, der Druck auf die Psyche ist oft hoch. Das ist nicht gesund", warnt Wolfgang Seelbach, Sprecher des Landeselternrats. Er begrüßt deshalb den Trend in den anderen Ländern und erhofft sich davon eine Belebung der Debatte in der Mark.
"Eltern brauchen ein Wahlrecht", findet er. Dies gebe es zwar grundsätzlich in Brandenburg, da an Gesamtschulen und Oberstufenzentren weiterhin nach 13 Jahren die Hochschulreife erlangt wird. Aber die Option bestehe nicht flächendeckend. "Die wenigen Gesamtschulen sind meist völlig überlaufen. Auch daran sieht man, dass viele Eltern für ihre Kinder den längeren Weg zum Abitur bevorzugen", argumentiert Seelbach. In Brandenburg gibt es derzeit 99 Gymnasien, 33 Gesamtschulen und 16 OSZ.
Ziel müsse laut Elternrat sein, dass die Familien in jeder Stadt die Wahl haben, welchen Weg ihr Kind wählt. Konkret schlägt Seelbach vor, entweder den einzelnen Gymnasien die Wahl zu lassen, ob sie das Abitur nach zwölf oder 13 Jahren anbieten oder aber dafür zu sorgen, dass Eltern sogar an der Schule wählen können. Für diese Option spricht sich auch die Grünenfraktion im Landtag aus. "Die Reise sollte dahin führen, dass der Unterricht modulartig so aufgebaut ist, dass es an jeder Schule zwei Wege zum Abitur gibt", sagt Bildungsexpertin Marie-Luise von Halem. Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion Thomas Günther hingegen lehnt Korrekturen ab. Diese würden nur Unruhe in die Schullandschaft bringen.
Im Bildungsministerium hält man indes Veränderungen für denkbar. Sprecher Stephan Breiding räumt ein, dass der Leistungsdruck an Gymnasien hoch und viele Gesamtschulen überlaufen seien. Aber noch seien ihm keine Massenproteste von Eltern gegen das jetzige System bekannt. Hoffnungen auf eine "Entschlackung" der Lehrpläne erteilte er eine Abfuhr, da man sich wegen der besseren Vergleichbarkeit für bundesweit ähnliche Standards entschieden habe. (Kommentar Seite 2)