Ist das das Ende der Brandenburger Windspargel-Landschaften? Über einer Wiese nahe Pritzwalk tanzt ein einsamer Drache. Groß wie ein Gleitschirm. Die drei knapp bleistiftdünnen Seile, die ihn halten, sind an Seiltrommeln auf dem Dach eines Lkw festgemacht. Vor dem Laster steht ein Zelt, in dem Alexander Bormann Brote, Kaffee und Gummibärchentüten in Plastekisten sortiert. "Wir bleiben ein paar Tage hier draußen", erklärt er. Bormann ist Chef der Brandenburger Firma Enerkite. Seine Firma entwickelt eine sportliche Alternative zum Windrad - Energiedrachen.
Die Wiese ist ein Testgelände. Vier Tage lang soll sich das Kraftwerk computergesteuert in der Luft halten. So lange hat noch niemand in Europa einen Energiedrachen selbstständig fliegen lassen. Das Test-Team aus acht Wissenschaftlern und Technikern von Enerkite und der Technischen Universität Berlin will nicht eingreifen, nur beobachten - wie der Lenkdrachen fliegt und wie viel Strom er liefert.
Eine digitale Anzeige am Lkw zeigt, wie viel Energie das Fluggerät gerade vom Himmel holt. Der Kunststoffschirm schraubt sich wie ein Greifvogel in die Luft. Er fliegt Schleifen, die wie eine liegende Acht aussehen. Dabei spult immer mehr Seil von den Trommeln ab. Die Zugkraft der Kunststoffseile treibt einen Generator an, der den Strom erzeugt. Bis zu 300 Meter hoch kann der Drache steigen. Dann wird er wieder nach unten gezogen und beginnt seinen Tanz in die Höhe von Neuem.
Bormann schaut auf die Anzeige am Lkw. "In den letzten zehn Minuten haben wir eine Kilowattstunde Energie gesammelt", sagt er. Das ist so viel, wie eine Herdplatte in einer halben Stunde verbraucht. Der Versuchs-Drache über der Wiese ist nur eine 30-kW-Anlage. Die von Enerkite als Produkt geplanten 100-kW-Anlagen hingegen sollen 60 Haushalte mit Strom versorgen, erzählt der Luftfahrtingenieur. Er beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Windenergie. Auf die Idee mit den Kraftwerken in der Luft kam er, als er berechnete, wie groß Masten von Megawatt-Windrädern sein müssten. Allein im Mast stecken heute oft Dutzende Tonnen Stahl oder Beton. Bormann suchte nach materialsparenden Lösungen und gründete im Jahr 2010 Enerkite. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) gehört neben der niederländischen Uni Delft und dem Konzern Google zu den wenigen Pionieren fliegender Windkraftanlagen. Ein Vorzug dieser Kraftwerke ist ihr Material-Minimalismus: Was bei Enerkite an Equipment nötig ist, passt in einen Container. Der lässt sich irgendwo aufs Feld stellen oder als mobiles Kraftwerk durch die Gegend fahren. Auch wirtschaftlich will es die fliegende Windkraftanlage mit der am Boden aufnehmen. Bei Stromerzeugungskosten liegen nach Angaben der Entwickler beide etwa gleichauf. Zwischen sieben und zwölf Cent soll eine Kilowattstunde Drachenstrom kosten. Die Anlagen können an viel mehr Stunden im Jahr Energie aus dem Wind herausholen als Windräder. Die Experten sprechen von 5000 Volllaststunden. Die Drachen sind effizienter, weil sie in größeren Höhen unterwegs sind. Dort bläst der Wind stetiger.
Doch ein fliegendes Kraftwerk auf 300 Meter vollautomatisch zu steuern - damit gibt es kaum Erfahrungen. Das ist die große Herausforderung für Enerkite. Die Entwickler haben ihren Drachen mit Sensoren ausgerüstet, die den Wind messen. Eine Software verarbeitet die Daten und lenkt das Gerät. "Die Software muss sehr schnell reagieren können", beschreibt Bormann. Künftig soll der Drachen eigenständig starten, fliegen und zu Boden gehen. Er soll Flugzeugen ausweichen und bei Gewitter oder Sturm schnell landen. Von einem Sturm ist der eisige Wind an diesem Testwochenende weit entfernt. Mit sechs Metern pro Sekunde weht er eher mäßig.
Wird es künftig statt Windparks bunte Drachenwiesen geben? "Wir wollen mit kleinen Schritten zum Erfolg kommen", sagt Bormann. Kunden sieht er zunächst in Firmen, die eine mobile Energieversorgung brauchen, in Landwirten und Kommunen, die sich selber versorgen wollen. Um flaue Zeiten auszugleichen, koppelt Enerkite die Anlagen mit Batteriespeichern. Knapp eine halbe Million Euro sollen die Stromdrachen künftig kosten. Interesse daran gibt es. "Wir sprechen zurzeit mit verschiedenen Kommunen", sagt der Enerkite-Chef. Bisher hat die Firma mit eigenem Kapital und 1,5 Millionen Euro Fördergeld von Bund und Land Entwicklung betrieben. In drei Jahren, so das Ziel, soll es den die ersten Stromdrachen zu kaufen geben.
Eine weitere Hürde auf dem Weg dahin hat Enerkite jetzt erfolgreich genommen. Das Wetter hat mitgespielt, die Tests am Wochenende sind erfolgreich gelaufen. Der Lenkdrachen segelte selbstständig am Prignitz-Himmel - ohne Menschen als Strippenzieher.