"Stop" heißt es am Eingang zum Flüchtlingscamp an der Unterschleuse in Eisenhüttenstadt. "Stop" war auch das, was Jana Schreiber* dem Dolmetscher zu verstehen gegeben hat, wenn er sich ihr zu sehr genähert hatte. Die junge Frau kam seit August regelmäßig als ehrenamtliche Helferin auf das Gelände des Außencamps der Zentralen Erstaufnahmestelle für Asylbewerber. Sie hatte also ständig mit dem beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) angestellten Übersetzer zu tun. "Nachdem wir uns ein paar mal gesehen hatten, ging das mit Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung los. Mir war das unangenehm", versichert Jana Schreiber. Gemacht hat sie nichts. Noch nicht, denn irgendwann fühlte sie sich noch mehr bedrängt. "Er pikte mich in die Seiten, machte Anspielungen. Und wenn ich gesagt habe, er soll aufhören, hat er weitergemacht." Schließlich sei sie zur Einsatzleitung des DRK gegangen und habe dort alles geschildert, doch man gab ihr zu verstehen, sie übertreibe nur. Das war alles.
Nach und nach stellte sich heraus, dass Jana Schreiber nicht die Einzige war, die sich belästigt fühlte von dem im Libanon geborenen Mann, der seit mehreren Jahren in Deutschland lebt. Andere Ehrenamtlerinnen und auch Angestellte des DRK hatten ähnliche Erfahrungen gemacht. Im Januar schließlich gingen bei der Polizei zehn Anzeigen wegen sexueller Beleidigung und Nötigung gegen eben diesen Dolmetscher ein. Aufgrund der laufenden Ermittlungen gibt die Polizei derzeit aber keine weiteren Details bekannt. Fakt ist: Der Beschuldigte wurde nach Bekanntwerden der Anzeigen sofort von der Arbeit freigestellt, erklärt Hubertus C. Diemer, Vorsitzender des DRK-Landesverbandes.
Jana Schreiber vermutet, dass die Verantwortlichen vor Ort die Entgleisungen ihres eigenen Mitarbeiters, die seit Oktober bekannt gewesen seien, vertuschen wollten. Schließlich hatte sich das DRK an einer Ausschreibung des Landes beteiligt, bei der es um die Betreibung fast aller Erstaufnahmestellen für Flüchtlinge in Brandenburg geht. Und dort setzte sich der Verband Ende des Jahres auch durch. Hubertus C. Diemer versichert: "Wir wollten nichts vertuschen." Hätte man eher konkrete Hinweise gehabt, hätte man auch gehandelt. "Einige hatten schlicht Angst um ihren Job beim DRK", weiß Jana Schreiber.
Laut einem ehemaligen Bewohner des Camps sei der Dolmetscher auch wiederholt wegen rassistischer Äußerungen gegenüber Syrern aufgefallen, habe sogar falsch übersetzt. Die Feindseligkeiten zwischen Libanon und Syrien - auf einmal sind sie auch in der Flüchtlingsunterkunft zu spüren. "Wegen möglicher rassistischer Äußerungen gab es bereits im Oktober ein Gespräch mit Herrn H.", sagt Diemer. Danach seien keine Klagen mehr gekommen.
Und noch etwas erzählt der frühere Camp-Bewohner: "Ein Bekannter aus Syrien wurde in dem Camp von einer Mitarbeiterin des DRK sexuell belästigt." Polizei und Rotes Kreuz bestätigen das. Im Oktober wurde die Frau, die vom DRK sofort suspendiert worden war, wegen sexueller Nötigung angezeigt. Die Öffentlichkeit erfuhr nichts davon. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren kurz darauf ein. Eine sexuelle Nötigung habe nicht vorgelegen, heißt es.
Derzeit wird aber nicht nur gegen den mittlerweile freigestellten DRK-Mitarbeiter ermittelt, sondern auch gegen zwei Afghanen. Sie sind beschuldigt, zum Jahreswechsel eine Frau aus Kenia vergewaltigt zu haben. Die Anzeige liegt bei der Polizei vor, an die Öffentlichkeit gelangte wiederum nichts: "Ausschließlich zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der Opfer erfolgte keine Berichterstattung der Polizei", teilt eine Sprecherin mit und bezieht sich auch auf den Fall des Syrers, der die DRK-Mitarbeiterin wegen sexueller Nötigung angezeigt hatte.
Hubertus C. Diemer bedauert, dass es zu der Vergewaltigung kommen konnte, versichert aber, dass das Opfer aus Kenia nach der Tat psychologische Hilfe bekommen habe. Allerdings gibt er zu, dass noch zu klären sei, warum ein Mitarbeiter die Frau zunächst nicht verstanden habe, so dass die Straftat erst am nächsten Tag angezeigt wurde. "Die Ereignisse sind in der Aufarbeitung", sagt der DRK-Chef.
"Wir haben hohe Anforderungen und verlangen einen tadellosen Umgang aller Beschäftigten mit Flüchtlingen", betont Susann Fischer, Pressesprecherin des Innenministeriums des Landes, das Träger aller Erstaufnahmeeinrichtungen ist. Bezüglich der gewonnenen Betreiber-Ausschreibung durch das DRK sagt sie: "Die Verträge stehen natürlich."
*Name geändert