Roland Ueckermann strahlt große Gelassenheit aus. Als 57 Jahre alter Oberforstrat hat er schon so einiges erlebt. Er kann sogar schmunzeln über das, was ihm, beziehungsweise seinem Hund, am Reformationstag widerfahren ist, obwohl es eigentlich überhaupt nicht lustig ist.
Es war auch nicht so, dass der Angriff aus dem Nichts kam. "Wir wussten, dass der Wolf hier ist", sagt Ueckermann, der tief im Wald in der Nähe von Angermünde wohnt. Einmal Mitte September und dann wieder Mitte Oktober hat sich Isegrim bei ihm blicken lassen. "Ich habe das gemeldet, wie es sich gehört."
Aber dann, am 31. Oktober kurz vor 9 Uhr morgens, war plötzlich Alarm. "Ich hörte auf einmal ein fürchterliches Klagen von meinem Hund", erzählt der Besitzer, der just in diesem Moment beim Ankleiden war, nackt im Schlafzimmer stand. Die extremen Laute ließen für den Forstbediensteten nur einen Schluss zu: "Hanka hat Todesangst."
Also riss er das Fenster auf, sprang hinaus und irgendwie auch über den Zaun, um seinem Hund beizustehen. Schreiend, mit erhobenen Armen, und nackt wie er war, stürzte er auf den Wolf zu. "Es war ein einziger brauner Klumpen, mein Hund war gar nicht zu sehen." Erst als sich Ueckermann bis auf drei Meter genähert hatte, ließ der Wolf von Hanka ab, ging zehn Meter, um sich dann umzudrehen, den nackten Mann zu mustern und "mir zu zeigen, dass er mit meinem Verhalten nicht einverstanden ist", wie es Ueckermann scherzhaft formuliert.
Er ist überzeugt: "Der Wolf war erst dabei, sich seine Beute zurechtzulegen. Wenige Sekunden später wäre meine Hündin nicht mehr zu retten gewesen." Zwölf Wunden sowie innere Verletzungen trug Hanka davon. "Aber die Tierärztin hat super Arbeit geleistet. Es heilt gut." Das Erlebnis hat Eindruck hinterlassen beim Oberforstrat, der in der Landeswaldoberförsterei Chorin beschäftigt ist. "Ich habe jetzt keine Angst vor dem Wolf, aber Respekt", sagt er. Ein exzellenter Jäger sei der Wolf - schnell, schlau und voller Kraft. "Und dieses Gebiss...", fügt Ueckermann andächtig hinzu. Zu denken gibt ihm, dass der Angriff am helllichten Tag erfolgte und das Opfer ein Haustier war, kein Wild. "Das konnte ich mir vorher nicht im Entferntesten vorstellen." Dessen nicht genug: Drei Tage später tauchte der Wolf erneut bei Ueckermann auf, der Oberforstrat machte ein Foto.
Das Fazit des Forstexperten: Dieser Wolf hat offensichtlich keine Scheu und keinen Respekt vor den Menschen. "Nur durch Druck lernt er Respekt, aber diesen Druck bekommt das europaweit streng geschützte Tier nicht." Bewerten will Ueckermann dies mit Verweis auf seine Position als Landesbediensteter nicht.
In den Tagen nach dem Angriff kam eine regelrechte Maschinerie in Gang. Ein "Rissgutachter" kam, untersuchte Trittsiegel vor Ueckermanns Hof und Bissspuren bei der Hündin. Er kam zu dem Schluss, dass ein Wolf als Verursacher "nicht auszuschließen" sei. Das Landesumweltamt spendiere ihm jetzt im Rahmen des Wolfsmanagements für sein Grundstück einen Elektrozaun "mit richtig Druck drauf", wie Ueckermann erzählt. Eine vorübergehende Maßnahme, die dem Wolf Respekt einflößen soll.
Das Landesumweltamt schätzt die Zahl der Wölfe in der Mark auf 100. Ende Oktober hatte  eine ganze Wolfsfamilie in Potsdam-Mittelmark erstmals eine Kuhherde angegriffen und vier Kälber getötet. Der Bauernbund fordert deshalb, die Jagd auf Wölfe zu erlauben. Seine Ausbreitung bedrohe die umweltfreundliche und tiergerechte Weidehaltung, heißt es zur Begründung. (Mit Adleraugen)