Wolfgang Knothe war live dabei, als die US-Armee einrückte, kurz nach der Mittagszeit. Mit zehn mächtigen Tanklastzügen rollte eine Einheit am Sonnabend durch den Ortsteil von Frankfurt (Oder), der direkt an der Autobahn liegt. Anwohner rieben sich ungläubig die Augen. Derweil machten auch die Soldaten einen ratlosen Eindruck.
"Die hatten sich einfach verfahren", sagt Knothe. Navigationsgeräte führten die Truppe zu früh von der Autobahn - die Route sollte dann über Güldendorf bis zur Stadtbrücke nach Polen führen. Doch in dem beschaulichen Dorf bemerkten die Militärs ihren Fehler. "Die waren sehr kurz angebunden, einer erwähnte einen Navi-Fehler, mehr nicht", berichtet er. Allein das Wenden der schweren Fahrzeuge in den kleinen Straßen sei ziemlich zeitaufwändig gewesen. Schließlich habe ein Begleitfahrzeug die US-Soldaten zurück auf die A12 gelotst.
"Es gab hier schon einige Aufregung", sagt der Güldendorfer Martin Göldner. "Bei uns ist seit Jahrzehnten kein Militärkonvoi aufgetaucht, das letzte Mal vielleicht vor der Wende." Jetzt kocht das Thema vor allem im Internet hoch, besonders auf der MOZ-Facebookseite wird diskutiert. Manche verpacken die Navigationspanne in wunderbar formulierte Seitenhiebe: "Da können die aus 5 Kilometer Höhe eine Hand gestochen scharf fotografieren. Aber den Weg nach Polen finden sie nicht. Klasse Weltmacht!", schrieb etwa Johannes Nuss. Andere zitieren den Zwei-plus-Vier-Vertrag, mit dem die vier Alliierten sowie Bundesrepublik und DDR den Weg zur Wiedervereinigung ebneten und ebenso die Frage von Nato-Truppen im Osten Deutschlands regelten. Demnach dürfen ausländische Streitkräfte dort "weder stationiert noch dorthin verlegt" werden. Allerdings wird das Verlegen von Einheiten zu Nato-Manövern darin nicht untersagt.
Für die Bundeswehr sind Truppentransporte ausländischer Streitkräfte jedoch gängige Praxis. Dies sei unter dem Begriff "Host Nation Support" (Unterstützung durch das Gastgeberland) klar geregelt, sagt Uwe Nowitzki, Sprecher des Landeskommandos Brandenburg. Für Verlegungen von militärischem Gerät müssten jedoch Anträge gestellt werden, über die jeweiligen Botschaften landen diese beim Bundesverteidigungsministerium. Laut Nowitzki seien polnische, niederländische oder dänische Einheiten öfter auf den hiesigen Straßen zu sehen. "Bundeswehr-Fahrzeuge fahren ja auch durch Europa bis Italien, um dort verschifft zu werden", sagt der Oberstleutnant. Ebenso kann eine Sprecherin der US-Botschaft an dem Konvoi nichts Ungewöhnliches feststellen. "Wie sollen sonst die Einheiten zu Manövern in Polen und im Baltikum verlegt werden, als über den Landweg", sagt sie.
Auch in Sachsen sorgten US-Truppen vor einigen Tagen für Wirbel. Dort waren ebenfalls Tanklastwagen aufgetaucht, die in der Bundeswehr-Kaserne in Frankenberg über Nacht Quartier bezogen. Sie seien auf dem Weg zu einer Übung nach Litauen, sagte ein Sprecher der dort stationierten Panzergrenadierbrigade. Landfahrten der US-Truppen vom Baltikum bis zu den Standorten in Süddeutschland werden zudem trainiert: Jüngst nahm ein Konvoi diese 1800 Kilometer lange Strecke. "Dragoon Ride" (Dragonerritt) nannten die Militärs diese Operation, die laut Beobachtern auch als Machtdemonstration geplant war.
Für den Staatsrechtler Marcus Schladebach sind diese schon bei der Nato-Gründung 1949 vereinbarten "Durchzugsrechte" indes kein Freifahrtsschein. "Jeder Nato-Staat hat die Möglichkeit, den Transit von ausländischen Militärfahrzeugen abzulehnen", sagt der Mitarbeiter der Potsdamer Universität. Zudem sei festgelegt, dass die Truppen ohne größere Unterbrechungen und auf direktem Weg ein Land durchqueren. Sonst sei dies eine "Anmaßung von Hoheitsgewalt".
Kleine Abweichungen vom Weg seien jedoch erlaubt, sagt er in Anspielung auf die Navigationspanne in Güldendorf.