Sie verfassen Brandschreiben an die eigenen Leute, die in der Formulierung gipfeln: "Selbstmord aus Angst vor dem Tod ist kein gutes Rezept." Sie richten Bittgesuche an die Landtagsfraktionen und die Staatsanwaltschaft. Vor allem aber attackieren sie das Brandenburger Forstministerium wegen angeblicher Verstöße gegen den Tierschutz.
Bereits vor knapp einem Jahr protestierten märkische Jäger gegen eine Verordnung, mit der eine härtere Gangart gegenüber dem wiederkäuenden Schalenwild eingelegt wurde, um die Bissschäden an jungen Bäumen zu reduzieren. "Unserem Rot-, Dam-, Reh- und Muffelwild stehen schwere Zeiten bevor. Hegegemeinschaften sollen zu Abschussgemeinschaften verkümmern", schrieb Dirk-Henner Wellershoff, Präsident des Landesjagdverbands, damals an die 14 000 organisierten Jäger im Land.
Schonzeiten drastisch verkürzt
Doch das war nur der Anfang. Jetzt hat das Ministerium noch eins drauf gesetzt und die heiligen Schonzeiten erneut drastisch verkürzt. Eigentlich gilt es als waid- und tierschutzgerecht, Rehe, Hirsche und andere Pflanzenfresser nach dem 31. Dezember zu verschonen. Schritt für Schritt wurde diese Frist nach hinten verschoben. Nun soll bis Ende Februar auf sie Jagd gemacht werden dürfen.
Für die Jägerschaft ist das ein Sakrileg. Das Wild hat bis zum Beginn der neuerlichen Jagdzeit Mitte April nur noch sechs Wochen Schonzeit. Hirsche, Rehe und ähnliche Tiere würden jetzt eine Art Winterschlaf halten, erzählt Reno Hölzke, Jäger und Privatwaldbesitzer, zudem Vorstandsmitglied der Hegegemeinschaft Beeskow. "Weil es wenig zu fressen gibt, fahren Wiederkäuer ihren Organismus herunter. Sie beschränken sich auf die absolut lebensnotwendigen Funktionen, bewegen sich weniger."
Sie in dieser Phase zu beunruhigen oder gar jagen, sei tierschutzwidrig und ein Verstoß gegen Paragraf 1 des Jagdgesetzes, der den Schutz des Wildes garantiere, sagt Hölzke. Ähnlich äußern sich dieser Tage viele andere Jäger in Briefen, öffentlichen Stellungnahmen oder Nachrichten in sozialen Netzwerken. "Tierschutz und Waidgerechtigkeit werden mit Füßen getreten", heißt es. Der von den Grünen geführte Ministerium lasse "wider besseren Wissens ethische Belange außer Acht". Auch der Verbandspräsident protestiert wieder in einem offenen Brief. Er fühle sich von Minister Axel Vogel "überrumpelt" und "hintergangen".
Doch längst gerät die Verbandsspitze selbst in die Kritik der Jägerschaft, weil sie sich nicht zu wehren weiß. "Der Präsident wirft mal wieder mit Wattebäuschen", sagt Reno Hölzke über den Brief von Wellershoff an den Minister. Auch andere sprechen von einem Armutszeugnis. Man habe eine Gegenkampagne etwa mit Plakaten und Mahnwachen erwartet. Anfang Mai wird ein neues Präsidium gewählt. Der Verband brauche einen personellen Neuanfang, findet Hölzke.
Das Ministerium rechtfertigt die Verkürzung der Schonzeit mit dem "dramatischen Zustand der Waldverjüngung" und der mancherorts hohen Wildpopulation. Und da man dieser Tage wegen der drohenden Afrikanischen Schweinepest ohnehin die Jagd auf Wildschweine noch einmal forciere und dabei im Wald für Unruhe sorge, könne man das andere Schalenwild "bei dieser Gelegenheit mit erlegen, sofern die behördlichen Abschusspläne noch nicht erfüllt sind", argumentiert das Ministerium.
"Es kann nicht sein, dass wir falsche Zugeständnisse machen, nur damit die Jäger schön ihrem Hobby nachgehen können", sagte Carsten Leßner, der Chef der Forst- und Jagdbehörde im Ministerium, bereits vor einigen Monaten. "Wir investieren zig Millionen in den Waldumbau. Aber mehr als die Hälfte der neu angepflanzten Bäume sind verbissen, also von Wildtieren so angeknabbert, dass sie nicht mehr ordentlich wachsen."

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