Im September wird vor dem Landgericht in der Oderstadt eine kurios anmutende Duplizität der Ereignisse zu erleben sein: Zeitgleich zwei Prozesse wegen versuchten Mordes offenbar aus Rachegelüsten, beide Male drei junge Frauen auf der Anklagebank. Unterschied: Im einen Fall war das Opfer ein Mann, im anderen eine Frau.
Bereits seit Juni wird gegen drei Angeklagte verhandelt, die laut Staatsanwaltschaft fünf Mal versucht haben sollen, einen Bekannten erst mit Tabletten und dann mit einem Messer zu töten. Und als das nicht klappte, sollen sie erfolglos versucht haben, ihn in einem Wald hinter der polnischen Grenze mit dem Auto zu überfahren. Auslöser für die geplante Gewaltorgie soll die Weigerung des Mannes gewesen sein, für von zwei der Frauen geleistete sexuelle Dienste zu bezahlen.
In dem anderen, am 19. September startenden und bereits bis in das Jahr 2020 hinein terminierten Prozess geht es um ein brutales Verbrechen, das Anfang Januar dieses Jahres für Aufsehen gesorgt hatte: Mehrere Personen sollen eine 33-Jährige zunächst körperlich misshandelt und bestohlen haben. Im Anschluss wurde die Frau in die eiskalte Oder gestoßen. Offenbar nur mit viel Glück konnte das bereits abgetriebene und unterkühlte Opfer noch eine Leiter fassen und sich selbst aus dem Fluss ziehen.
Seit Januar in U-Haft
In der Anklageschrift vom Juni dieses Jahres wird den zwei Hauptbeschuldigten, 18 und 30 Jahre alt und jeweils aus Frankfurt, versuchter Mord vorgeworfen. Die dritte Angeklagte, 25 Jahre alt, steht hingegen lediglich wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht. Sie soll "nur" dabei gewesen sein, als das Opfer in den Fluss gestoßen wurde. Zwei der Frauen sitzen seit Januar in Untersuchungshaft.
Bei dem Mordversuch könnte es sich um eine Verdeckungstat handeln. Die Attacke auf die Frau am 7. Januar dieses Jahres zog sich nämlich laut Anklageschrift insgesamt über mehr als drei Stunden hin und begann gegen 19 Uhr auf offener Straße im Stadtzentrum nahe des Lenné-Parks.  Das genaue Motiv für den Übergriff ist unklar. Die Staatsanwaltschaft geht von Racheaktionen innerhalb eines komplizierten Beziehungsgeflechts aus.
Auf jeden Fall sollen zunächst Mitglieder einer anfangs noch größeren Gruppe auf die Frau losgegangen sein. Sie wurde demnach beschimpft, bespuckt, getreten und geschlagen, außerdem wurden ihre Haare angezündet. Schließlich zwangen die Täter sie, eine Ecstasy-Pille zu schlucken, stahlen ihr das Handy und die Wohnungsschlüssel und ließen dann von ihr ab.
Etwa eine Stunde später soll sich die sechsköpfige Gruppe mit Hilfe des gestohlenen Schlüssels in die Wohnung des Opfers begeben haben. Dort wurden die Misshandlungen mit Tritten und Schlägen fortgesetzt. Außerdem wurden mehrere Handys, der Ausweis der Frau sowie ein Fernseher und ein Notebook gestohlen. Im Anschluss daran wurde die Frau gegen 22.30 Uhr aufgefordert, mit zur Oder zu kommen.
Verfahren abgetrennt
Ursprünglich wurden die Ermittlungen gegen die ganze Gruppe geführt, drei Frauen und drei Männer. Die Staatsanwaltschaft hat sich dann jedoch entschieden, das Verfahren gegen die Männer wegen Körperverletzung, Raub und Diebstahl abzutrennen. Deshalb beginnt nun zunächst der Prozess gegen die Frauen wegen der Hauptat an der Oder.
Gegen die Männer, von denen zwei in U-Haft sitzen, wurde ebenfalls bereits Anklage erhoben. Termine für einen Prozess gibt es allerdings bislang noch nicht. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft haben sich die drei Männer im Ermittlungsverfahren "weitestgehend geständig" gezeigt. Die drei Frauen sollen ebenfalls ausgesagt und sich dabei teilweise geständig gezeigt haben.

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