Ein junger Mann mit Milchgesicht sitzt auf der Anklagebank im Saal 207, runde Brille, lange Haare, schmächtige Statur. Genervt beantwortet er die Fragen des Vorsitzenden Richters, nuschelt dabei mit leiser Stimme. Vor allem dann, wenn er Details zu seiner Sexualität beantworten soll. Der 21-jährige Nico G. wirkt wie ein schüchterner Schüler – kaum vorstellbar, dass er am 21. September einen Menschen erstochen haben soll.
An jenem Abend habe er „getötet, ohne Mörder zu sein“, wie es Anette Bargenda in ihrer Anklageschrift formuliert. Nach telefonischer Absprache habe er am Tatabend eine Wohnung in der Breiten Straße in Eberswalde besucht, dort wartete bereits die Prostituierte Maren S., 19 Jahre jung. Es war erst ihr zweiter Tag in dem Etablissement.
Kaum hatte G. das Zimmer betreten, betatschte er die junge Frau, es kam zu einem Wortgefecht, so Bargenda. Maren S. forderte zuerst ihr Geld, 60 Euro wollte sie für den halbstündigen Liebesdienst haben. Der Preis und die langwierige Diskussion passten dem Hartz-IV-Empfänger offenbar nicht, er schlug laut Anklage zwei Mal mit der Faust zu.
Danach folgten „wechselseitige Beleidigungen“. Die Situation schaukelte sich hoch, schließlich rammt G. seinem Opfer ein Klappmesser in die Brust. Als Maren S. vor Schmerzen schrie, brüllt er sie an, dass sie ruhig sein solle. Anschließend verlässt er die Wohnung, sein Opfer ringt auf dem Boden liegend mit dem Tod. Kurze Zeit später stirbt 
die Frau.
Franziska Z. zittern die Hände im Zeugenstand, als sie berichtet, wie sie das Opfer am nächsten Tag in einer Blutlache liegend vorfand. „Ich hatte die ganze Nacht Alpträume und Angst, dass mir so etwas auch passiert“, sagt sie unter Tränen. Erst einen Tag vor der Tat lernte sie S. kennen, die in die Prostituierten-WG vermittelt wurde. „Sie war freundlich, wollte nur eine Woche bleiben, dann wieder nach Hause fahren“, berichtet Z., die in der Wohnung ebenfalls Freier empfing.
Warum die aus gutem Elternhaus in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) stammende Maren S. in Eberswalde dem anrüchigen Gewerbe nachging, ist den Eltern ein Rätsel. Sie sei in einer „intakten Familie“ aufgewachsen, trägt die Nebenkläger-Anwältin vor, „es gab überhaupt keine finanziellen Probleme“. Während der Ausbildung im Neubrandenburger Krankenhaus habe sie jedoch einen Mann kennengelernt, den sie nie vorstellte. Im Vorjahr zog sie „Hals über Kopf“ von zu Hause aus. „Sie ging plötzlich ihren eigenen Weg, ihre Eltern hatten nie eine Chance, die Gründe zu erfahren“, berichtet die Juristin. Noch am Abend vor der Tat rief sie vom Handy aus ihre Mutter an. „Mach dir keine Sorgen“, sagte S. und erzählte, dass sie in einem Solarium jobben wollte. Doch die Mutter war in Sorge – am nächsten Tag erreichte sie ihre Tochter nicht mehr.
Der Angeklagte senkt den Kopf, weicht den Blicken der Eltern im Gerichtssaal aus. Über das Motiv schweigt er sich aus. Sein Anwalt trägt nur eine dürre Entschuldigung vor. G. bedauere „die Entwicklung und das äußerst negative Ergebnis“, heißt es fast schon im Amtsdeutsch. An die Eltern des Opfers habe er sich noch nicht gewendet – „wegen psychischer Probleme“, sagt der Verteidiger.
Nico G. wuchs bei seiner Mutter auf, besuchte eine Förderschule. Bereits in der sechsten Klasse hatte G. seinen ersten Sex, wird berichtet. Er machte Partys, mit 14 Jahren folgten Erfahrungen mit harten Drogen. Doch mit Beginn der Lehre zum Holzfacharbeiter beruhigte sich sein Leben, er lebt mit seiner Freundin zusammen. Die erfüllte offenbar nicht seine sexuellen Wünsche – seit 2009 zog es ihn immer wieder zu den Prostituierten. G. war „Stammgast“ in dem Etablissement, sagt eine Zeugin.
„Völlig normal“ sei sein Sexleben, beteuert der Angeklagte vor Gericht. Doch die Staatsanwältin berichtet über Fotos von toten, nackten Frauen, die Ermittler auf seinem Computer fanden. Die Bilder hätte er von Freunden geschickt bekommen, behauptet er. „Er kam mir manchmal komisch vor“, berichtet indes die Prostituierte Ludmilla W. Er sei grob beim Sex gewesen.
Rund 500 Euro erhielt Nico G. im dritten Lehrjahr – das Einkommen reichte aus, um sich eine Wohnung und die Dienste der leichten Damen zu leisten. 50 Euro zahlte er dafür jedes Mal, nur ein einziges Mal habe es Streit gegeben – an jenem Tatabend, erzählt er. „Wie konnte ich nur so freidrehen?“
Der Prozess wird am nächsten Dienstag fortgesetzt.