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„Europa befindet sich nicht nur in einer Wirtschafts- und Finanzkrise, sondern in einer geistigen und Vertrauenskrise. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen“, sagte der 86-Jährige. Besondere Verantwortung komme dabei Deutschland als dem größtem Land der EU zu. Zur Überwindung der gegenwärtigen Krise helfe es, sich an das Jahr 1989 zu erinnern, als die Spaltung des Kontinents überwunden wurde.
Der mit 5000 Euro dotierte Preis wurde vom Förderkreis der Uni und ihrem Präsidenten Gunter Pleuger überreicht. Die Laudatio hielt der frühere polnische Regierungschef Tadeusz Mazowiecki.
Ein bis auf den letzten Platz besetzter Hörsaal, in dem sich die Gäste trotz schwieriger Zeiten für das Schicksal Europas interessieren. Die Verleihung des Viadrina-Preises war für Hans-Dietrich Genscher und Tadeusz Mazowiecki am Dienstag der Ort für wichtige Botschaften.
Sie sind beide vom Jahrgang 1927. Dass sie als Jugendliche noch den schlimmen Krieg zwischen ihren Ländern erlebt, später vor allem aber an der schwierigen Versöhnung mitgearbeitet haben, macht es so authentisch, wenn Hans-Dietrich Genscher und Tadeusz Mazowiecki über die heutige Lage Europas reden.
"So müssen Politiker sein", geraten dabei nicht nur die studentischen Zuhörer ins Schwärmen. Immer wieder gibt es Applaus, zweimal erhebt sich respektvoll der ganze Saal. Man spürt: Was da vor allem aus den Jahren 1989 und 1990 berichtet wird - als Genscher deutscher Außenminister war und Mazowiecki der erste demokratisch gewählte Regierungschef Polens seit dem Zweiten Weltkrieg -, hat Gewicht.
Der Pole hatte vor vier Jahren selbst den Viadrina-Preis erhalten. Diesmal ist er Laudator für den Deutschen, "der Einfluss auf das Schicksal unserer Länder genommen hat", wie Mazowiecki sagt. Bereits in Zeiten des Kalten Krieges sei Genscher "immer ein Politiker der Entspannung und nicht der Zuspitzung von Konflikten gewesen, ohne dass er sich über die autoritären Systeme im Osten Illusionen gemacht hätte", so der Warschauer. Das besondere Verdienst des aus Halle stammenden Politikers sei jedoch, dass er die Verantwortung der Deutschen vor ihrer eigenen Geschichte wahrgenommen und immer wieder vor erneuten Alleingängen des Landes gewarnt habe.
Für Polen war dies besonders wichtig, als 1990 die endgültige Bestätigung seiner Westgrenze, "als eine der letzten offenen Fragen des Weltkriegs noch zu klären war", wie Genscher sagt. Dies sei damals auch eine moralische Frage gewesen, für die die aus den früheren deutschen Ostgebieten Vertriebenen "mit dem Verlust ihrer Heimat einen hohen Preis zahlten", wie Genscher einräumt. Ein Verdienst der Vertriebenen sei es wiederum, dass daraus kein neues Unrecht entstanden sei.
Doch eine andere Botschaft ist Genscher noch wichtiger an diesem Tag. Er bringt seine Sorge, dass neue Nationalismen in der Gegenwart die europäische Einheit gefährden konnten, sehr deutlich zum Ausdruck. "Wer seine nationalen Interessen in Gegensatz zu unseren gemeinsamen europäischen Interessen stellt, der hat von der Idee Europas nichts verstanden", ruft er lautstark und bewegt in den Saal.
Einen einfachen Ausweg aus der "geistigen und Vertrauenskrise", in der sich der Kontinent derzeit befinde, hat freilich auch der langjährige Spitzenpolitiker nicht parat. Es müsse darum gehen, "Europa seine Seele wiederzugeben, denn ohne die Seele von Freiheit und Verantwortung wird Europa nicht zu bauen sein".
Um näher zu beschreiben, was er damit meint, rät Genscher, sich das Jahr 1989 in Erinnerung zu rufen. Damals hätten die Deutschen um das Schicksal der polnischen Solidarnosc-Bewegung gebangt, während Polen, Tschechen und Ungarn solidarisch mit Flüchtlingen aus der DDR waren, die in den bundesdeutschen Botschaften in Prag, Warschau und Budapest Zuflucht gesucht hatten. Wohl nie seien sich die Völker Europas so nahe gewesen wie damals, meint der Liberale.
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Eine Stärke Genschers besteht darin, solch große Zusammenhänge immer wieder mit kleinen menschlichen Episoden zu würzen. Zum Beispiel mit einer über seinen Freund, den früheren polnischen Außenminister Krzysztof Skubiszewski. "Während es bei den 2+4-Verhandlungen 1990 in Paris um die polnisch-deutsche Grenze ging, brauchte Skubiszewski als einziger Außenminister keinen Kopfhörer. Denn er verstand Englisch und Russisch, Französisch und Deutsch", so Genscher.
Solche Offenheit wirkt anziehend. Als sich der Geehrte nach der Feier auf eine Bank vor der Uni setzt, gehen einige Studenten auf ihn zu. Es braucht nur Sekunden, da ist man schon im Gespräch vertieft.