Gipsformerei: Eine Berliner Werkstatt, die zugleich Archiv ist
Wäre es ein Museum, die Sammlung müsste lange ihresgleichen suchen. Doch die Stücke stammen weder aus Luxor, noch aus Mesopotamien. Sie sind nicht aus Stein gehauen und auch keine tausende Jahre alt. Es sind Repliken, hergestellt in eben jenem Backsteinbau am Spandauer Damm. In der Werkstatt der Gipsformerei.
Gegründet wurde sie 1819 von Friedrich Wilhelm III. Mit ihrer Hilfe sollte eine gestiegene Nachfrage nach antiken Kunstwerken nicht länger durch teure Importe, sondern durch die Produktion eigener Abgüsse befriedigt werden. 1830 wurde sie den Königlichen, heute Staatlichen Museen zu Berlin angegliedert, was sie zu deren ältester Institution macht.
Über 7000 Objekte lagern hier. Ein Fundus, der von der Vor- und Frühgeschichte bis in die Neuzeit reicht. Darunter knapp 600 Stücke, deren Originale verloren gingen oder zerstört wurden – Werkstatt und Archiv zugleich.
Die staubigen Arbeitsräume im zweiten Stock durchzieht der Duft von Trennmittel. Auf den Werkbänken liegen schneeweiße Köpfe antiker Statuen, umringt von Stücken jener Formen, in die sie gegossen wurden. Unter einer Folie wartet ein halbes Dutzend Nofretete-Büsten darauf, bemalt zu werden. Die Gemahlin des Echnaton ist eines der meist gefragtesten Objekte. Erhältlich für 8900 Euro.
Formen groß wie Möbelstücke
Zwar kämen inzwischen auch moderne Verfahren wie 3D-Scans zum Einsatz, für detailgenaue Abformungen eigneten sich konventionelle Methoden, etwa mit Silikon oder Gelantine, jedoch nach wie vor am besten, sagt Werkstattleiter Stefan Kramer. „Es ist ein altes, traditionelles Handwerk, in dem noch sehr ursprünglich gearbeitet wird.“ Wie schon vor zweihundert Jahren bestünden die Arbeitsschritte aus der Herstellung der Form, dem Guss sowie der anschließenden Bemalung. Verantwortlich dafür sind Stuckateure, Maler, Handwerker und sogar ein Schlosser. Insgesamt arbeiten hier 25 Menschen.
Grundlage ihrer Arbeit sind, neben einer speziellen Gips-Rezeptur, gut 12 000 Formen, die in nicht enden wollenden Reihen grüner Schwerlastregale lagern. Manche Formen sind kaum größer als ein Apfel, andere wuchtig wie Möbelstücke. Man könnte meinen, sie seien aus Holz, doch auch sie bestehen aus Gips, braun gefärbt von einem Schellacküberzug. Zusammengesetzt bilden sie die Negative für die Giebelverzierungen des Zeus-Tempels von Olympia oder des Todeskampfes Laokoons und seiner beiden Söhne.
Am zeitaufwendigsten sei das Retuschieren, erklärt der gelernte Stuckateur Kramer. Mit beinahe chirurgischer Präzision würden kleine Bläschen im getrockneten Gips kaschiert oder Nähte, die beim Ablösen der Formteile entstehen, entfernt. „Unser Anspruch ist es, so nah wie nur möglich am Original zu bleiben.“
Zu den Kunden zählen Museen und Künstler, aber auch Privatpersonen. Verschickt werden die Stücke in die ganze Welt. So ist eine Replik des Pergamonfrieses in einer Kunsthochschule im chinesischen Hangzhou zu bewundern. Und Andreas Schlüters Großer Kurfürst steht nicht mehr nur vor dem Schloss Charlottenburg, sondern ziert auch den Eingangsbereich des Museo International del Barroco in Puebla, Mexiko.
Es zeigt, wie gefragt die Repliken aus Charlottenburg sind. Das hier vorhandene Wissen sei eben kaum anderswo zu finden, sagt Kramer. Es macht die Gipsformerei nicht bloß zu einem Archiv, vielmehr ist sie lebendiges Gedächtnis einzigartiger Handwerkskunst.





