Der Lockdown in der Corona-Krise wirkt sich auch positiv auf die Spielsucht vieler Brandenburger aus - aber nicht nur. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. So verwies die Brandenburgische Landesstelle für Suchtfragen (BLS) auf eine Klientenbefragung des Netzwerks „Frühe Intervention bei pathologischem Glücksspiel im Land Brandenburg“ zu Auswirkungen des Lockdowns auf das Glücksspielverhalten. „Der überwiegende Teil der Betroffenen bewertete die Schließungen der Spielstätten positiv“, sagt Geschäftsführerin Andrea Hardeling. „Sie konnten Abstand vom Glücksspiel gewinnen und waren dazu angehalten, Verhaltensalternativen zum Glücksspiel zu entwickeln.“

Mehr Zeit für Freunde und Familie

Einige Klienten hätten berichtet, dass sie mit der Zeit weniger Spieldruck gehabt und mehr Zeit mit Freunden und Familie verbracht hätten, sagt Hardeling. „Gelegenheit zum Spielen boten dennoch weiterhin die Geldspielgeräte in den Imbissbuden, was von mehreren Befragten als kritisch bewertet wurde.“ Auch sei die Präsenz von Online-Glücksspielangeboten deutlich wahrgenommen worden.
Zuletzt war der Anteil der Spielsüchtigen im Onlinebereich stark gestiegen - der von Online-Automatenspielen wuchs von 3,4 Prozent in 2018 auf 7,7 Prozent 2019. Bei Online-Casinospielen sei er gar von 0,9 auf 3 Prozent gestiegen, bei Online-Sportwetten von 5,6 auf 9,4 Prozent. „Für 2020 liegen aktuell noch keine Zahlen vor, es ist jedoch davon auszugehen, dass sich diese Entwicklung fortsetzt“, sagt Hardeling.

Sucht-Risiko ist bei Online-Glücksspiel besonders hoch

Das führt die BLS-Geschäftsführerin auch auf die deutliche Zunahme an Werbung für Online-Glücksspiel zurück. Die Suchtrisiken seien besonders hoch. „Der Zugang ist niedrigschwellig über verschiedene Endgeräte und rund um die Uhr möglich“, erklärt sie. Es könne schneller und mehr Geld verloren werden als im selben Zeitraum an einem Geldspielgerät. „Online-Glücksspieler bleiben weitgehend anonym, sie sind, anders als in Spielstätten, keinerlei sozialer Kontrolle ausgesetzt“, sagt Hardeling. Die BLS ging für Brandenburg 2019 von mindestens 12 700 problematischen und pathologischen Glücksspielern aus. Die Dunkelziffer wird als sehr hoch eingeschätzt.

Hobbys in Gesellschaft brechen durch Lockdown weg

Von einer hohen Dunkelziffer auch in und nach der Corona-Krise geht zudem der Verein Tannenhof Berlin-Brandenburg aus, der unter anderem für die Suchtberatung in Cottbus und im Kreis Spree-Neiße zuständig ist. „Gehen Sie davon aus, dass alle gesellschaftsbasierenden Hobbys wegfallen“, sagt Tannenhof-Sozialarbeiter Jens Hanschkatz. „Neben Laufgruppe und Fitnessstudio fallen selbst Malkurse an der Volkshochschule aus.“ Diejenigen der 50 Spielsüchtigen, die die Suchtberatung und Suchtbewältigung in Anspruch nehmen und auf Hobbys in Gesellschaft angewiesen seien, litten besonders unter dem Lockdown. „Da ist die Rückfallgefahr höher zu bewerten“, sagt Hanschkatz.

Beratungen nur eingeschränkt möglich

Außerdem kann die Beratung und Selbsthilfe im Lockdown nur eingeschränkt stattfinden. „Die Hilfe ist allein dadurch schon eingeschränkt, dass Betroffene und Angehörige sehr viel weniger Kontakte pflegen und selbst vorsichtiger sind durch die Pandemie“, sagt Daniel Zeis von der Ambulanten Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtkranke und Suchtgefährdete der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Potsdam. Hier könne man aber per Telefon und Online-Beratung helfen, also via Mail, Chat und Videosprechstunden. „Selbsthilfegruppen treffen sich unter den bekannten Hygienebestimmungen, denn sie sind laut Eindämmungsverordnung als systemrelevant eingestuft worden“, betont Zeis.