Dem Vorsitzenden Richter Jörg Tiemann genügt diese Erklärung nicht. "Wir reden hier nicht über 100 Euro. Wie konnte niemand auffallen, dass in einem kurzen Zeitraum fast 300000 Euro verschwinden?", fragt er. Darauf erwidert der Ko-Landesvorsitzende Benjamin Raschke, der zweite Zeuge an diesem Tag: "Nach unserem Ermessen war das Geld ja da." Zur Erklärung ergänzt er, dass der Landesverband in jener Zeit kaum Geldbedarf gehabt und sich deshalb kein Bild von der Lage gemacht habe. Man sei nach dem Einzug der Grünen in den Landtag 2009 vor allem damit beschäftigt gewesen, die Parteistrukturen zu verbessern. Dafür habe man kaum Geld gebraucht. Baerbock fügt hinzu: Ohne Vertrauen in ehrenamtliche Funktionsträger wie Goetjes funktioniere Parteiarbeit nicht.
Ob das Geld den Grünen nun fehle, will Tiemann wissen. Die Einnahmen wären für die nächsten Wahlkämpfe wichtig gewesen, berichtet Annalena Baerbock. "Aber die guten Ergebnisse der Grünen in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben das Loch ausgeglichen." Per Wahlkampfkostenrückerstattung würden auch Gelder nach Brandenburg fließen. Die Entscheidung, auf eine Rückzahlung der gestohlenen Gelder zu verzichten und sich lediglich mit 65000 Euro von Goetjes' Eltern zu begnügen, rechtfertigen die Parteivorsitzenden vor Gericht damit, dass sie vor der Wahl gestanden hätten, gar nichts zu bekommen oder das Geld von den Eltern.
Über das Privatleben des Angeklagten hatten Baerbock und Raschke nach eigenen Aussagen kaum Informationen. Bekannt sei gewesen, dass er in Hohen Neuendorf (Oberhavel) bei seinen Eltern wohnt. Auch von einer Bekannten mit Drogenproblemen habe er erzählt, nicht aber von daraus entstehenden finanziellen Verpflichtungen. Goetjes hatte eingeräumt, große Teile der Parteigelder für Prostituierte ausgegeben zu haben. Laut LKA betreibt er einen Escort-Service in Berlin. Eine der Dirnen soll heute als Zeugin gehört werden.