Polizei und Staatsanwaltschaft äußerten sich nun am Mittwochmittag in einer Pressekonferenz zur Vergewaltigungsserie, zum Tatmuster und dem polizeilichen Vorgehen. Demnach werden dem festgenommenen Mann derzeit acht Taten in Berlin und Brandenburg zur Last gelegt – teils seien die Vergewaltigungen vollzogen worden, teils sei es bei Versuchen geblieben. Man habe DNA-Spuren an allen Opfern gefunden und könne deshalb die Taten konkret zuordnen. Das erste Opfer des mutmaßlichen Serienvergewaltigers sei nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft minderjährig. Drei besonders schwere Vergewaltigungen seien bekannt. 

Täter ohne festen Wohnsitz

Über den mutmaßlichen Täter sei bekannt, dass er keinen festen Wohnsitz in Berlin habe und sich scheinbar öfter in Brandenburger oder Berliner Wäldern aufhielt. Zuletzt habe er in Berlin in einer hostelähnlichen Unterkunft gelebt.
Laut Staatsanwaltschaft und Polizei sei der Tatverdächtige in den letzten Monaten wiederholt in Berlin gewesen, dabei aber nicht mit Vergewaltigungen oder anderen sexuellen Delikten aufgefallen. Ende 2019 sei er in Berlin mit einem Diebstahl in Erscheinung getreten und habe eine Geldstrafe zahlen müssen. Bei einer weiteren Tat im März 2020 habe es sich um einen Laubeneinbruch in Berlin gehandelt, bei dem Fingerabdrücke sichergestellt wurden. Was er in Berlin oder Brandenburg genau gemacht habe, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, wisse man nicht. "Wir wissen, er hat versucht, Geld zu machen, indem er ein Auto verkaufte", erläuterte die Sprecherin.
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Gewaltvolles und freundliches Tatmuster

Die Tatmuster bei den Vergewaltigungen seien sehr ähnlich, wie Norma Schürmann vom Landeskriminalamt erklärte. Zuerst habe der 29-Jährige die potenziellen Opfer freundlich an durchaus belebten Waldgebieten angesprochen und sie dann mit Gewalt gepackt und gewürgt. Anschließend zerrte er sie von den Hauptwegen der Waldgebiete weg und verging sich an den Opfern in entlegenen Gebieten. Die Vergewaltigungen seien mit massiver, körperlicher Gewalt erfolgt, sodass die Opfer zum Schweigen gebracht wurden. Dafür habe er verschiedene gefährliche Werkzeuge genutzt. 
Nach seinen Taten soll sich der Mann um seine Opfer "gekümmert haben" und habe sich teilweise für den nächsten Tag mit ihnen verabreden wollen. In Kleinmachnow habe der Täter dem Opfer das Fahrrad gegeben, um nach Hause fahren zu können. Zum Schein seien die Opfer teilweise auf das Angebot, sich zu treffen, eingegangen.

Gute Voraussetzung für Verurteilung

Bei dem mutmaßlichen Serienvergewaltiger geht die Staatsanwaltschaft von einer Anklage und späteren Verurteilung aus. Die Beweislage sei gut, sagte Staatsanwältin Katrin Frauenkron. Bei drei Taten gehe es um besonders schwere Fälle. Dem 29-Jährigen werden acht vollendete und versuchte Taten zur Last gelegt. Bei einer Verurteilung sei mit einer erheblichen Freiheitsstrafe zu rechnen. Bei schwerer Vergewaltigung drohen fünf Jahre Haft pro Fall. Eine Gesamtstrafe aus einzelnen Taten kann laut Staatsanwaltschaft maximal 15 Jahre betragen. Mehrere Opfer konnten sein Vorgehen und sein Aussehen detailliert beschreiben.
Der tatverdächtige Serbe werde nun medizinisch und psychiatrisch begutachtet, hieß es. Der Beschuldigte werde noch am Mittwoch einem Haftrichter im Amtsgericht Tiergarten vorgeführt und der Haftbefehl verkündet. Die weiteren Ermittlungen werde die Berliner Staatsanwaltschaft übernehmen. 
Der Tatverdächtige habe am Dienstagabend nach der Festnahme über Verletzungen geklagt und sei vorübergehend in ein Krankenhaus gebracht worden. Mittlerweile befinde er sich wieder in Polizeigewahrsam. Welcher Art diese Verletzungen sind, sei noch nicht klar. 

Wie ihn die Polizei verfolgte

Die Festnahme sei laut Pressekonferenz eine "gut abgestimmte, länderübergreifende Zusammenarbeit" zwischen Berlin und Brandenburg gewesen. 
Gegen 11.30 Uhr am Dienstag habe eine Frau die Beamten über eine Frau informiert, die in Potsdam Opfer einer Vergewaltigung gewesen sei. 83 Kollegen seien daraufhin im Einsatz gewesen und hätten das Waldgebiet nahe Babelsberg abgesperrt, um den Täter zu stellen. Mit Polizei-Suchketten und dem Einsatz von einer Drohne, einem Hubschrauber, einem Polizeiboote und von Diensthunden habe man den Serienvergewaltiger verfolgt. 
Um 12.15 Uhr habe der erste Sichtkontakt bestanden, doch der Tatverdächtige habe entkommen können. In der Zwischenzeit habe man ein blaues Fahrrad und ein Handy sicherstellen können. Die Auswertung der informationstechnischen Daten des Handys, dieses sei entsperrt gewesen, habe zur erfolgreichen Ermittlungsarbeit beigetragen. 
Die Suche im betreffenden Waldstück wurde erschwert, weil sich zu diesem Zeitpunkt viele Menschen im Gebiet aufhielten. So sei es für die Spürhunde nicht einfach gewesen, die Fährte zu verfolgen. Der entscheidene Hinweis sei vom Polizeihubschrauber, der mit einer Wärmebildkamera ausgestattet war, ausgegangen. Gegen 19.10 Uhr war klar, wo sich der Tatverdächtige aufhielt. Zu dieser Zeit versuchte er über die Gleisanlagen zu flüchten. Letztendlich konnte er im nördlichen Babelsberg am Rande Berlins gestellt werden. Der mutmaßliche Täter wurde gegen 20 Uhr in die Polizeiinspektion Potsdam gebracht. Er Widerstand geleistet und sich unkooperativ verhalten, schilderte Oskar Vurgun von der Polizei Brandenburg.

Vergewaltigung und Kamerabilder aus Bernau

Wie die Staatanwaltschaft erläuterte, habe man seit dem 22. Juni vermutet, dass es sich um eine Tatserie handeln könnte. Über DNA-Vergleiche haben man die Taten ein und demselben Täter zuordnen können. Als man herausfand, dass die Vergewaltigung in Bernau zur Tatserie gehörte, habe man die Öffentlichkeitsfahndung mit Phantombild einleiten können. Denn eine Überwachungskamera am Bahnhof hatte den mutmaßlichen Vergewaltiger aufgezeichnet. Dank des Phantombildes habe es zwar hunderte Hinweise aus der Bevölkerung gegeben, aber leider sei kein entscheidender Hinweis darunter gewesen, erläuterte die Staatsanwältin. 
Erst durch das erneute Studieren von Polizeiakten sei man der Identität des Täters auf die Spur gekommen. Der Fingerabdruck bei einem Laubeneinbruch habe eine große Rolle gespielt. Zwischendurch seien die Ermittlungsbehörden nicht sicher gewesen, ob sich der Serbe ins Ausland abgesetzt habe. Seine Begleiterin, mit der er sich zeitweise in Berlin aufgehalten habe, sei derzeit im Ausland.  
Die Behörden rechnen dem Mann acht Taten seit dem 12. Juni zu. Davon wurden fünf im Bereich des Grunewalds im Berliner Südwesten begangen und eine unweit davon im brandenburgischen Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark). Hinzu kommt ein Übergriff auf eine junge Frau in Bernau sowie die unmittelbare Tat in Potsdam.
Der Vergewaltigungsfall in Bernau hatte sich Mitte Juni an der Panke abgespielt. Ausgangspunkt war der Bahnhof-Friedenstal. Eine 20-jährige Frau war am späten Abend des 15. Juni vom Bahnhof in Richtung Wohnpark "Schwalbennest" unterwegs gewesen. Dafür nutzte sie den unbeleuchteten Geh- und Radweg an der Panke, als sich gegen 21.30 Uhr ein Mann näherte, sie mit sich zog und an ihr verging.

Weitere Geschädigte gesucht

Nach wie vor sucht die Polizei eine weitere Geschädigte, die laut einem Zeugen im Grunewald vergewaltigt worden sein soll. Was genau in einem Fall passierte, ist bis heute unklar: Ein Zeuge meldete eine Sexualstraftat nahe dem Berliner Teufelsberg - vom Opfer fehlt allerdings jede Spur, es hat sich trotz eines Aufrufs nicht bei der Polizei gemeldet. Die Tatschilderung des Zeugen würde zum Tatmuster des jetzt festgenommenen 29-jährigen Serben passen. "Es kann sein, dass es eine Touristin war. Es ist nicht auszuschließen, dass sich dieses Opfer nicht melden wird", erläuterte die Staatsanwältin. 

Serienvergewaltigungen sind Seltenheit

Wie der frühere Bremer Mordermittler und Bestsellerautor Axel Petermann der Deutschen Presse-Agentur sagte, sind Serienvergewaltigungen relativ selten. Die Motive dahinter könnten unterschiedlich sein: "Manchen geht es um Machtausübung. Diese Täter haben selbst wenig soziale Kompetenzen, zweifeln an sich und sind unsicher im Umgang mit Frauen." Genauso gebe es aber auch Täter mit machohaftem Auftreten, die keine Zweifel an der eigenen Dominanz hätten. Manche Serientäter hätten Aggressionen gegen Frauen, wollten sie erniedrigen und gingen mit extremer Brutalität vor, schilderte er. Manche Vergewaltiger wollten auch mit der Tat aus der Situation heraus Frust abbauen.

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