Ein wachsender Wust von Normen macht aus Sicht des Berliner Flughafenchefs Engelbert Lütke Daldrup große Bauvorhaben immer schwieriger. „Vor 20 Jahren hatten wir nur 25 Prozent der Normen, die wir heute haben“, sagte Lütke Daldrup der Architekturzeitschrift „ARCH+“. „Ließe man von diesen die Hälfte weg, wäre es generell einfacher, billiger und effizienter in Deutschland zu bauen.“
Lütke Daldrup arbeitet seit gut eineinhalb Jahren daran, den neuen Flughafen BER in Schönefeld an den Start zu bringen. Der sollte eigentlich seit sieben Jahren in Betrieb sein. Die Eröffnung musste aber mehrfach verschoben werden, weil Planungsfehler, Baumängel und Technikprobleme die Zeitpläne zunichte machten. Auch Lütke Daldrups Vor-Vorgänger Hartmut Mehdorn hatte über deutsche Regelungswut geklagt.
„Es geht nicht nur um Berlin“, versicherte Lütke Daldrup. „Fast alle Großprojekte in Deutschland haben Probleme.“ Normen gingen über das vernünftige Maß hinaus, es werde kontraproduktiv. „Wir fesseln uns durch ein regulatorisches Korsett und werden dadurch immer unbeweglicher.“
Der gelernte Stadtplaner nannte als Beispiel Kabeltrassen, wie sie im BER-Terminal umfangreich saniert werden mussten. Es sei geregelt, wie Kabel voneinander getrennt werden, wie sie beschriftet werden, wie viele Aufhängungen in welchen Abständen es geben müsse, wie Kabel gebogen werden müssen und so weiter. Keinerlei Abweichung werde toleriert.
Hinter der wachsenden Zahl von Normen vermutet Lütke Daldrup Eigeninteresse von Ingenieuren in Normungsausschüssen, die auf Gutachteraufträge hofften. Er schlug vor, Normen zu befristen und ein Moratorium für weitere Regeln zu verhängen. „Man sollte den niedrigsten Baustandard aller Bundesländer zum bundesrechtlichen Regelstandard machen.“
Baunormen seien nicht die Hauptursache, aber ein Grund dafür, dass der neue Flughafen mit seinen 786 technischen Anlagen nicht fertig ist, sagte Lütke Daldrup. „Seit einem Jahr werden wir vom Tüv geprüft und haben wahrscheinlich noch ein weiteres Jahr vor uns.“ Lütke Daldrup ist nicht der einzige, der den Finger auf die Wunde legt: Ostdeutsche Bauunternehmen hatten über zunehmende Bürokratie geklagt und sich dabei auf eine Studie des Bauindustrieverbandes Ost für Brandenburg, Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt berufen. In ihr gaben über 82 Prozent der befragten Firmen an, dass der bürokratische Aufwand für die Umsetzung von Projekten in den zurückliegenden fünf Jahren stark zugenommen hat, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Robert Momberg. Fast jedes zweite Unternehmen musste wegen bürokratischer Hürden auf die Beteiligung an einem Bauprojekt verzichten.