Vor drei Wochen fand Sonja Moor ein verletztes Schaf auf ihrer Weide und im Briefkasten einen anonymen Drohbrief. Dem Tier hing ein Auge heraus, jemand muss ihm einen Schlag versetzt haben. Im Brief stand: „Wenn Ihr nicht abhaut, helfen wir nach.“ Die Polizei ermittelt wegen Nötigung und Tierquälerei. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines erbitterten Konflikts in Hirschfelde, der lange schwelte und nun offen ausgebrochen ist.
Alles dreht sich um die Frage, wer in dem 300-Einwohner-Dorf das Sagen hat und wie sich der Ort künftig entwickeln soll. Oder ob sich überhaupt etwas ändern soll. „Wir wollen unsere Ruhe“, sagt Viktoria Sandhofer, Grafikdesignerin und seit fünf Jahren im idyllischen Angerdorf ansässig. Schon jetzt sei an Wochenenden alles zugeparkt, weil Touristen sehen wollen, wo Dieter Moor lebt. „Man wird permanent von Berlinern vollgequasselt. Das nervt. Mein Nachbar geht schon nicht mehr an den Zaun“, klagt Viktoria Sandhofer.
Der 53 Jahre alte Moor ist bereits seit den 90er Jahren bundesweit bekannt. Da moderierte er auf Vox das Magazin „Canale Grande“. Dann wurde es stiller. Seit 2006 ist er wieder da, erst als Moderator der „Kulturzeit“ auf 3sat, inzwischen als Gesicht von „ttt“ im Ersten. Zeitgleich hat er mit seiner Frau den Hof in Hirschfelde aufgebaut und einen Bestseller über die nicht immer leichte, aber doch sehr glückliche Eingewöhnungsphase in Brandenburg geschrieben. Nun ist er ein gefragter Experte in Sachen Osten und gesunder Lebensweise. Der RBB schickt ihn unter dem Titel „Bauer sucht Kultur“ durch die Mark.
Wer wollte es ihm verdenken, dass er bei öffentlichen Auftritten auf Nachfrage auch Werbung für seinen Hof macht? Doch inzwischen greifen Sonja und Dieter nach dem ganzen Dorf. Sie sagen, sie wollen nur das Beste für Hirschfelde, was vielleicht sogar stimmt. Und doch wird es vielen zu bunt. Sie fühlen sich überrollt von der Medienmaschine Moor und sammeln Unterschriften gegen Sonja Moors Idee von einem „Modelldorf Hirschfelde“. Hinter dem Begriff steckt das Ziel, in der von den Moors ins Leben gerufenen – Pardon! – „arschlochfreien Zone“ (AFZ) landwirtschaftliche Öko-Produkte nicht nur zu erzeugen, sondern auch weiterzuverarbeiten und zu verkaufen. Die Kritiker befürchten vor allem eines: noch mehr Touristen.
Die Gräben in Hirschfelde verlaufen dabei nicht zwischen Ost und West, zwischen den Alteingesessenen und den Neuen, sondern zwischen verschiedenen Lagern unter den Zugezogenen. Viktoria Sandhofer ist Österreicherin wie Sonja Moor. Gero Riedel kam vor 20 Jahren aus Berlin-Reinickendorf. Er sagt: „Auf ihrem Hof können die Moors machen, was sie wollen, aber nicht im öffentlichen Raum.“ Riedel sieht „eine Vermarktung des Dorfes im Eigeninteresse, mit den Einwohnern als Staffage“. Zum Beleg für diese These verweisen er und andere auf das Dorffest im vergangenen Sommer, das Sonja Moor mitorganisiert hat. Prompt stand nicht wie sonst die freiwillige Feuerwehr im Blickpunkt. Alles drehte sich um Dieter Moor. Der RBB übertrug live. Die Stimmung im Dorf kippte.
Dieter Moor hat das Fest anders in Erinnerung. „Die Händler haben das Geschäft ihres Lebens gemacht. 8000 Leute waren da“, sagt er. Konfrontiert man ihn mit dem Vorwurf, er würde sich engagieren, um seine Bekanntheit zu steigern, schüttelt er verständnislos den Kopf. „Das ist keine PR-Sache. Was wir hier machen, ist mir wirklich wichtig.“
Am Donnerstagabend trafen die Kontrahenten in der Werneuchener Stadtverordnetenversammlung aufeinander. Die Ereignisse im Ortsteil Hirschfelde standen nicht auf der Tagesordnung, aber es war klar, dass es in der Bürgersprechstunde darum gehen würde. Wortgefechte blieben aus. Marion Vorreiter, eine Nachbarin der Moors, verlangte Informationen über den Stand des Projekts Modelldorf. „Wir befürchten einschneidende Veränderungen.“ Bürgermeister Burkhard Horn (Linke) verwies lediglich auf den einstimmigen Beschluss der SVV, das Projekt zu befürworten. „Supermarktähnliche Einkaufsströme sind nicht zu befürchten“, fügte er leicht genervt hinzu. Es handele sich um eine ganz normale private Unternehmung durch die auf Initiative von Sonja Moor gegründete Genossenschaft.
Zu deren Mitgliedern gehört der in der Schorfheide lebende Schauspieler Michael Gwisdek. „Meine Frau steht auf Öko, so kam ich dazu“, erzählte er am Rande der Stadtverordnetenversammlung. „Es ist wunderbar, was da in Hirschfelde aufgebaut wird. Leider gönnen einige Menschen das dem Moor nicht, weil er prominent ist.“
Gero Riedel sagt, er habe nichts gegen zusätzliches Gewerbe im Ort. Den Dorfladen, den die Genossenschaft wiedereröffnet hat, möchte er nicht missen. Den Frieden hält er für wiederherstellbar. „Sonja Moor darf nur nicht vorgeben, was gemacht wird“, fordert er. „Die Einwohner müssen befragt und beteiligt werden.“ Ortsvorsteher Lothar Ast versichert: „Die Ideen der Moors helfen dem Ort.“ Er bedauert aber, dass sich Sonja Moor mit Kritik schwer tut. „Ich habe ihr mal widersprochen, da ist sie gleich explodiert“, erinnert sich Ast.
Die Angesprochene will ihren Stil nicht ändern. „Ich bevorzuge die direkte Art. Wenn jemand mit mir über das Modelldorf reden will, dem die Sachkenntnis fehlt, breche ich das Gespräch ab“, sagt Sonja Moor. „Wir sind für niemanden eine Bedrohung“, betont sie. Und: „Ich muss dieses Modelldorf nicht haben.“ Auch Dieter Moor macht sich Gedanken, wie es weitergehen kann. „Die Spannungen sind belastend“, gesteht er. „Als Schweizer bin ich für direkte Demokratie. Vielleicht sollte man über das Projekt abstimmen lassen.“