Beiderseits der Oder steigt die Zahl der Wölfe und der von ihnen verursachten Angriffe auf landwirtschaftliche Nutztiere. Eine polnische Kommune unweit der Grenze will sich des Problems jetzt auf ungewöhnliche Weise entledigen.
Die einstige brandenburgische Neumark östlich der Oder ist eine waldreiche Gegend. Schon vor einem Jahrzehnt wurden hier die ersten Wölfe gesichtet, die aus den Karpaten im Südosten Polens eingewandert waren, wo sie nie ganz ausgestorben waren. Der Wildreichtum hatte sie in die Nähe der deutschen Grenze gelockt.
Inzwischen aber werden immer häufiger nicht nur Rehe oder Hasen, sondern auch landwirtschaftliche Nutztiere von Wölfen gefressen. In dem Dörfchen Mosina, das zur Gemeinde Witnica gehört, wurden im Mai drei und im Juli zwei Schafe aus einer Herde gerissen. „Das ist eine schlechte Entwicklung. Denn die Wölfe, denen die Furcht vor dem Menschen angeboren ist, lernen, dass sie in seiner Nähe leichte Beute finden.“ So sieht der Forstwirt Mariusz Urban die Tendenz. Er vermutet, dass vor allem kranke Tiere oder solche, die vom Rudel verstoßen wurden, sich auf Suche nach leichter zu findender Nahrung machen.
Genau wie in Deutschland ist jedoch auch in Polen die Bejagung von Wölfen verboten. Dabei dürfte deren Zahl in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sein. Die letzte offizielle Schätzung des Warschauer Umweltministeriums von 2015, in der von landesweit 1484 Exemplaren die Rede ist, gilt jedenfalls als überholt.
„Wir wollen die Tiere aber gar nicht töten. Wir wollen sie einfangen!“. Mit dieser etwas verrückt klingenden Idee wartete jetzt der Bürgermeister von Witnica, Dariusz Jaworski, auf.  Der parteilose Kommunalpolitiker, der bei der in einem Monat anstehenden Kommunalwahl erneut kandidiert, verfolgt einen ungewöhnlichen Plan: Seine Gemeinde hat Briefe an mehr als 40 Zoos und Tierparke in Polen, Deutschland, Tschechien, Großbritannien und anderen Ländern geschrieben und diese gefragt, ob sie an Wölfen interessiert seien.   Sobald es positive Antworten gebe, wolle man Fallen mit hormonellen Duftstoffen in den umliegenden Wäldern aufstellen, von denen die Tiere angelockt werden und sie dann an die Zoos übergeben.
Das Problem: Obwohl man allein in Deutschland zwölf namhafte Einrichtungen angeschrieben hat – vom Berliner Tierpark über den Tierpark Hagenbeck in Hamburg bis zum Münchener Zoo Hellabrunn – gab es bisher keine positive Antwort. „Wir haben die Briefe erst vor kurzem abgesendet und sind deshalb noch optimistisch“, sagt Stadtsprecher Artur Rosiak.
Dass es für einen Zoo gar nicht so einfach ist, Wölfe zu übernehmen, erläutert Yvonne Riedels vom Erlebnis-Zoo in Hannover, der auch ein Schreiben aus Witnica erhielt. „Zum einen haben wir bei uns schon ein Rudel Timber-Wölfe aus Nordamerika“, berichtet sie. Da der Zoo nach Kontinenten geordnet sei und in der Abteilung Europa bedrohte Haustierarten wie das rauhwollige pommersche Landschaf oder die Thüringer Waldziege gehalten werden, „würden so ein paar Wölfe aus Polen auch gar nicht in unser Konzept passen“, sagt Riedels.
In der polnischen Kleinstadt Drezdenko, die nur etwa 50 Kilometer nordöstlich von Witnica  liegt, ist man nicht so zimperlich. Dort waren vor einigen Wochen drei Wölfe bis zu den Häusern am Ortsrand vorgedrungen, so dass sich Menschen bedroht fühlten. Danach fiel die Entscheidung, diese drei Tiere zu töten. Bisher wurde aber erst eins erlegt, weil die anderen beiden nicht erneut auftauchten. Bereits im Juni war  in Südostpolen ein Wolf von einem Jäger erschossen worden, der in einem Dorf zwei Kinder angegriffen hatte. Bei der Untersuchung des Tieres stellte sich freilich heraus, dass es zuvor in Gefangenschaft gehalten und – um Fotos mit ihm zu machen – auch gefüttert worden war, weshalb es seine Scheu vor Menschen verloren hatte.