Alles auf Twitter. Zehn Nachrichten pro Tag sind normal. Die eine Hälfte Politik, die andere Anekdoten aus dem Leben. Meist witzig, nie plump oder anbiedernd. Auf Facebook und Instagram ist sie natürlich auch, fast 10 000 Leute folgen ihr dort. Die Rede ist von Lilly Blaudszun, 18 Jahre alt und aus Ludwigslust, bis vor kurzem Vize-Chefin der Jusos in Mecklenburg-Vorpommern, seit Oktober Jura-Studentin an der Frankfurter Viadrina und in dieser Woche von der "Zeit" unter die "100 wichtigsten jungen Ostdeutschen" gewählt. Dort ist sie in Gesellschaft von René Wilke, dem 35 Jahre alten Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder).

Seltenes Talent

Lilly Blaudszun kam auf die Liste, weil sie sich als Teenager politisch engagiert und an die SPD glaubt. Das ist schon selten genug. Außerdem kennt sie sich mit sozialen Medien aus und scheut die Öffentlichkeit nicht, ist locker drauf, ohne zu übertreiben. Diese Kombi gibt es im deutschen Politikbetrieb sonst kaum.
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke hat das in diesem Sommer schon erkannt, als er Lilly Blaudszun für den Social-Media-Wahlkampf der SPD einspannte. Und gestandene Sozialdemokraten aus dem gesamten Bundesgebiet gerieren sich beinahe wie Fans, wenn sie ein gemeinsames Selfie mit der jungen Frau posten. Alles auf Twitter nachzuverfolgen.
Bei so vielen Geschichten ist man dann doch froh, dass einem beim Treffen im Café eine ganz normale 18-Jährige gegenübersitzt. Sie bestellt einen Pfefferminztee und erzählt, wie gut es ihr in Frankfurt gefällt. Das Nachtleben sei viel besser als in Ludwigslust, das Wohnheim auf dem Campus garantiere kurze Wege. Die Nähe zu Polen in der einen Richtung und die zu Berlin in der anderen runde das tolle Gesamtpaket ab.

Studium, Partys, Parteiarbeit, der ganze Social-Media-Kram, dazu in Berlin der Job bei einem Bundestagsabgeordneten – wie bekommt sie das hin? "Schlafen ist mir sehr wichtig. Daran spare ich nicht", sagt sie. "Man muss sich einfach gut organisieren. Außerdem macht es mir ja Spaß. Ich will das alles so."
Dass sie mit ihrer Art und Weise einen Nerv trifft, erklärt sie sich damit, "dass die Politik insgesamt viel zu eintönig ist". Eigentlich tolle Menschen seien in komplexen Prozessen gefangen. "Wir jungen Leute wollen da einen neuen Stil reinbringen." Dabei ist ihr auch klar, dass sie leicht reden hat. "Ich habe kein Amt, keine Verpflichtungen, die mich einschränken könnten."
Ihren Kommilitonen erzählt sie nicht gleich im ersten Gespräch, dass sie in der Politik ist. "Aber sie sehen es natürlich, wenn sie auf meine Profile gehen. Das ist schon lustig, da steht dann auf einmal die Politik im Raum." Und dann kommt es zu Debatten, aktuell vor allem über die Wahlergebnisse im Osten Deutschlands und die Bilanz 30 Jahre nach dem Mauerfall.
Lilly Blaudszun hat die DDR nicht erlebt, nicht einmal die Nach-Wende-Jahre, dennoch sind die Folgen derzeit eines ihrer wichtigsten politischen Themen. Deshalb findet sie die "Zeit"-Liste mit den "100 wichtigsten jungen Ostdeutschen" toll. Aber dass die Liste nur in der Ost-Auflage der Hamburger Wochenzeitung erschienen ist, sei schade und auch irgendwie bezeichnend.

Appell an die Ostdeutschen

Die 18-Jährige sieht sich ganz klar als Ostdeutsche. "Der Mauerfall war einer der größten Glücksfälle der Geschichte", betont sie. Aber die Umbruchsjahre, die komplette Neuorientierung seien schwierig gewesen, selbst für Menschen, die nicht arbeitslos wurden. Dieses Erbe trage auch ihre Generation in sich, ist Lilly Blaudszun überzeugt. Die Teenager von heute gehe es etwas an, wem der Osten gehört. Oft hätten nach wie vor Westdeutsche das Sagen, Ostdeutsche seien bekanntermaßen in Leitungspositionen unterrepräsentiert.

Ihre Generation dürfe sich damit nicht abfinden. "Wir müssen um gleiche Lebensverhältnisse kämpfen", appelliert sie an ihre Altersgenossen. Das gehe bei Löhnen und der Rente los, reiche aber über finanzielle Fragen weit hinaus. Ostdeutsche müssten endlich angemessen beteiligt werden. Das über eine Quote zu regeln, sieht sie kritisch. Ein Anfang sei, sich als Ostdeutsche oder Ostdeutscher politisch zu engagieren, sich in den Parteien Gehör zu verschaffen.
Ein Vorbild dafür gibt es ja nun schon mal.