Für Karsten Birkholz, Amtsdirektor von Barnim-Oderbruch, ist der Fall klar. Das Nest des streng geschützten Uhus befindet sich auf den Resten eines Pfeilers der 1945 zerstörten Straßenbrücke, vom deutschen Oderufer aus gesehen jenseits der Fahrrinne. "Dieser Talweg der Oder stellt die politische Grenze zwischen Deutschland und Polen dar", formulierte Birkholz in seinem Widerspruch gegen die Ordnungsverfügung des Landesamtes für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (LUGV).
Eigentlich sollte die Brücke an diesem Sonnabend für den Verkehr von geschlossenen Draisinen mit Handhebelbetrieb geöffnet werden. Doch wegen des brütenden Uhus untersagte das LUGV die Eröffnung am 1. Juni. Die flugunfähigen Jungtiere sollten nicht, von den erwarteten Besucherscharen erschreckt, in die Oder fallen und ertrinken.
Nach Auffassung des Amtsdirektors ist das Landesamt gar nicht zuständig, weil das Nest in Polen liegt. Als Beweis führt er das polnische Geoportal an, wonach der betreffende Pfeiler direkt hinter der Grenze liegt. Das LUGV jedoch bezieht sich auf den Brandenburg-Viewer der Landesvermessung und Geoportalinformation, dem Nachfolgebetrieb des Landesvermessungsamts. Dort verläuft der Grenzverlauf hinter dem Pfeiler.
Dieser Konflikt wiederum brachte Märkisch-Oderlands Landrat Gernot Schmidt (SPD) auf den Plan. Er habe die Mitarbeiter des Kataster- und Vermessungsamtes der Kreisverwaltung an die Oder geschickt, um den Grenzverlauf auf der Grundlage der Katasterunterlagen zu überprüfen, erklärte Kreissprecher Tobias Seyfarth am Freitag. "Nach unseren Untersuchungen liegt der Uhu-Pfeiler auf der polnischen Seite." Die Grenze verlaufe stets an der tiefsten Stelle der Oder. Die Ergebnisse habe der Landkreis an die Deutsch-polnische Grenzkommission weitergeleitet. Diese lege den Grenzverlauf fest, erklärte Seyfarth. Für den Landrat ist das Ergebnis insofern entscheidend, weil er ab diesem Sonnabend über Ausnahmeregelungen bei Uhus entscheidet. Die Zuständigkeit für mehrere geschützte Tierarten, darunter Wolf und Uhu, ist ab 1. Juni vom LUGV den Landkreisen übertragen worden.
Für diesen Fall jedoch entscheidet der Landrat noch nicht. Trotz der Widersprüche von Amtsdirektor Karsten Birkholz und des Investors Axel Pötsch bleibt das Landesamt bei seiner Entscheidung. Der Behörde gehe es nicht darum, "das Draisinenprojekt auf der Eisenbahnbrücke Neurüdnitz - Siekierki und die Aktivitäten des Investors infrage zu stellen oder zu unterbinden", bekräftigte LUGV-Sprecher Thomas Frey. "Ab dem 30. Juni steht dem Draisinenprojekt aus Sicht des Landesamtes nichts mehr im Wege. Dann sind Jungtiere flügge."
Axel Pötsch, Geschäftsführer der Draisinenbahnen Berlin-Brandenburg GmbH & Co. KG, ist die Saison dann jedoch zu weit fortgeschritten. Er wagt daher einen neuen Start erst 2014. Außerdem wolle er beim Bundesverkehrsministerium anfragen, ob das Projekt noch gewollt ist. Für sein Gesamtkonzept der Nutzung des "Technischen Denkmals Oderbrücke" war Pötsch im November 2011 vom Bundesverkehrsministerium und vom polnischen Infrastrukturministerium ausgezeichnet und mit 5000 Euro unterstützt worden. Ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu den Investitionen, die ihm bevorstehen, sollte er das Projekt zu Ende führen.
Zuerst steht der Korrosionsschutz für die fast 800 Meter lange Brücke an. Die Kosten schätzt Pötsch auf zehn Millionen Euro, wofür er in Polen und Deutschland Fördermittel beantragen will. Die Brücke sei standsicher, bestätigen Landrat Schmidt und Amtsdirektor Birkholz. Wäre sie das nicht, müsste sie abgerissen werden, da sie mit der Oder eine Bundeswasserstraße kreuzt. Die Deutsche Bahn als Eigentümerin äußerte sich dazu jedoch nicht.
Das Bauwerk sei als Eisenbahnbrücke gewidmet und nur als solche nutzbar, erklärte Birkholz. Um sie für Fußgänger und Radfahrer zu öffnen, müsste eine kostspielige Umnutzung beantragt werden. Die 1957 gebaute Brücke diente ausschließlich zu Militärzwecken. Im Kriegsfall sollten über sie Züge mit Rüstungsgütern aus der Sowjetunion an die einst deutsch-deutsche Grenze rollen.
Für schwere Schienenbusse oder Lokomotiven sei die Brücke derzeit nicht nutzbar, bestätigte Axel Pötsch. Dafür fehle die entsprechende Hauptuntersuchung durch die Bahn. Leichte Draisinen unterliegen aber anderen Bestimmungen.
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