Kreistagsabgeordnete finden, dass es Versäumnisse gegeben haben könnte und verlangen Aufklärung. Aber damit tut sich die Verwaltung unter Landrat Rolf Lindemann sehr schwer. Die Mutter verlangt nun per Petition die Ablösung des SPD-Politikers, die Versetzung eines bestimmten Jugendamts-Mitarbeiters und die Einrichtung einer Kontrollinstanz zur Überprüfung von Entscheidungen des Jugendamts. Online wurde die Petition bislang rund 2000 Mal unterzeichnet. Lindemann lehnt auf Anfrage dieser Zeitung eine Stellungnahme zu der Petition sowie zum aktuellen Stand im Fall Hannes ab.

Am hiesigen System gescheitert

Das ist die Kurzfassung eines seit dem Frühjahr schwelenden Konflikts, der nun einmal mehr eskaliert. Im April hatte diese Zeitung erstmals über die Vorwürfe von Ines Semisch-Graßmann berichtet, der Mutter von Hannes, dessen Todestag sich bald zum ersten Mal jährt. Der als schwierig geltende Junge war früh am Brandenburger Bildungssystem gescheitert, galt mit 13 wegen Disziplinproblemen als unbeschulbar. Letzte Rettung war ein Auslandsprojekt im fernen Kirgisien.
Vom Jugendamt Oder-Spree intensiv begleitet, sorgten der Aufenthalt in einer Gastfamilie und der Unterricht in Bischkek für Besserung. Hannes bekam allmählich sein Temperament in den Griff. Er holte gute Noten, übersprang eine Klasse, stand mit 16 ein Jahr vor einem Schulabschluss, der auch in Deutschland gelten würde.
Doch dann brach das Jugendamt Oder-Spree die Maßnahme ab – gegen den Willen von Hannes und seiner Mutter. Hannes scheiterte nach seiner Rückkehr erneut am hiesigen Umfeld und am Schulsystem. In seiner Verzweiflung geriet er an Drogen. Auch wegen einer bis dahin nicht bekannten Muskelerkrankung starb er am 26. Oktober 2018 an den Folgen des Konsums.
Warum wurde das erfolgreiche Auslandsprojekt abgebrochen? Und war das fachlich richtig? Darauf will Ines Semisch-Graßmann eine Antwort. Landrat Lindemann zieht sich darauf zurück, dass die Entscheidung des Amtes vom Oberverwaltungsgericht bestätigt wurde. Der Kreistagsabgeordnete Kai Hamacher von den Freien Wählern indes vermutet inzwischen: "Einem einzelnen Sachbearbeiter im Jugendamt hat die Maßnahme auf einmal nicht mehr gefallen. Deshalb musste der Junge zurück. Das wäre ein Stück weit Willkür." Auch weise vieles darauf hin, dass die Rückkehr "ohne ausreichende fachliche Begleitung" erfolgte, sagt Hamacher nach Akten-Lektüre.
Er kritisiert das Agieren von Lindemann: "Der Landrat verschleiert statt bei der Aufklärung zu helfen." Beleg sei dessen Rede im September im Kreistag. "Er hat fast eine Stunde über den Fall Hannes geredet. Ein verheerender Rundumschlag – gegen die Mutter, die Medien und frühere Mitarbeiter des Jugendamts." Stephan Wende von den Linken, Chef des Jugendhilfeausschusses, sieht in Lindemanns Rede "eine Beschimpfung und eine Abrechnung mit allen möglichen Leuten". Geholfen habe das sicher nicht. "Der Landrat verrennt sich", befürchtet Wende.
Einig sind sich Hamacher und Wende auch darin, dass die Bearbeitung des Falles im sogenannten Petitionsausschuss des Kreistags der falsche Weg sei. Für ein solches Gremium habe Oder-Spree keine klare Rechtsgrundlage, keine verbindlichen, einsehbaren Regularien. Kai Hamacher hat die Arbeitsweise des Petitionsausschusses bereits in mehreren Punkten gerügt. Er moniert unter anderem eine fehlerhafte Besetzung und eine unzureichende Beteiligung aller Fraktionen.
Der Petitionsausschuss will im Dezember seine Arbeitsergebnisse vorstellen. Das ist Wende und Hamacher auch noch zu spät. Das Parlament habe sich zu lange hinhalten lassen, finden beide Abgeordnete. "Wir dürfen uns nicht mehr abspeisen lassen, sondern müssen uns endlich ernsthaft mit dem Fall Hannes beschäftigen", sagt Wende. Er will das Thema nun erneut auf die Agenda des Jugendhilfeausschusses setzen.

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