Helm aufgesetzt, Klettergeschirr angelegt, Karabinerhaken eingeklinkt und los geht es. Im Einkaufscenter an der Stendaler Straße in Berlin können Besucher für ein paar Stunden in eine andere Welt eintauchen und in die Höhe klettern. Ende September wird die ungewöhnliche und aus der Not heraus geborene Location in der Hellen Mitte zehn Jahre alt. Sie ist zu einer besonderen Attraktion geworden.
„99 Prozent der Bevölkerung kommen hier her“, berichtet Sören Sydow. „Es geht um das Gefühl, sich überwunden zu haben“, meint der Geschäftsführer des BergWerks. Die Ur-Angst Höhe zu besiegen, den Adrenalinschub zu spüren, das ziehe viele Menschen an. „Du brauchst nur eine gewisse Fitness. Das kann jeder machen, der unter 125 Kilo wiegt oder einen Bandscheibenvorfall hatte.“

Besonders beliebt bei Familien

Besonders beliebt sei der Kletterpark bei Familien. In der Hauptsaison seien es manchmal bis zu 30 Kindergeburtstage am Tag. Schulklassen kommen bei Wandertagen, es gibt Junggesellenabschiede und Firmenfeiern auf der Anlage. Vor ein paar Jahren habe der Technologiekonzern Google einmal das BergWerk für 70 bis 80 Mitarbeiter gemietet. Geld habe da überhaupt keine Rolle gespielt, erinnert sich der 52-Jährige.
Ganz im Gegensatz zu den Anfängen des Kletterparks, dessen Geschichte voller Zufälle ist. Ausgangspunkt war das Jahr 2010. Die Kinokette Cinestar sah damals im Einkaufscenter in der Hellen Mitte keine Zukunft mehr. Nach der Eröffnung des Kinos 1998 „schossen die Multiplex-Kinos aus dem Boden“, wie es Sydow formuliert. Spätestens 2005 sei der Markt übersättigt gewesen.

Kinobranche im Wandel

Die Kinobranche begann, sich zu wandeln, später auch noch getrieben durch das Aufkommen von Streaming-Diensten. So kam es, dass die Besucherzahlen im Cinestar Hellersdorf von zwischenzeitlich einer Million jährlich auf nur noch etwa 300.000 im Jahr 2012 zurückgingen. Ein Kino in dieser Größe an diesem Standort war nicht mehr wirtschaftlich. Cinestar kündigte deshalb den Mietvertrag, die Schließung war bereits beschlossene Sache.
Doch Sören Sydow, von 2004 bis 2016 Center-Manager für den gesamten Komplex Helle Mitte, wollte den wichtigsten Mieter damals unbedingt halten, denn die anderen Nutzer im Center, darunter die Gastronomie, waren von den Kinobesuchern abhängig.
Sören Sydow war früher Center-Manager für den Komplex Helle Mitte. Heute ist er Geschäftsführer des BergWerks.
Sören Sydow war früher Center-Manager für den Komplex Helle Mitte. Heute ist er Geschäftsführer des BergWerks.
© Foto: Philipp Hartmann
Ein ehemaliger Jugendsportfreund, den er in dieser Zeit nach 20 Jahren zufällig wiedersah und der in der Immobilienbranche arbeitete, hatte dann die Idee, aus dem Kino einen Indoor-Kletterpark zu machen. „Ich habe daran nicht geglaubt, muss ich ehrlich sagen“, gibt Sören Sydow zu.

Abenteuerwelt à la Indiana Jones

Nach mehreren Gesprächen konnte sich auch Cinestar für die Idee einer „Abenteuerwelt à la Indiana Jones“ begeistern. Die Kinokette kehrte zurück, schloss einen neuen Vertrag für eine geringere Fläche ab. Von zwölf Kinosälen wurden anschließend fünf entkernt und umgebaut. So entstand Europas größter Indoor-Kletterpark, der bis heute immer wieder erweitert wurde. Niemand sonst habe ein solches Konzept bis heute umgesetzt.

Anspruchsvolle Parcours

In den ehemaligen Kinosälen klettern die Besucher bei stimmungsvoller Beleuchtung im Halbdunkeln. Beim anspruchsvollsten der 14 Parcours geht es dann aus dem Kino raus ins grelle Licht auf eine Höhe von 25 Metern hinauf bis unter das Glasdach des Shoppingcenters. Während oben der Adrenalinspiegel steigt, schlürfen unter den Köpfen der Kletternden Café-Besucher genüsslich ihren Cappuccino.
Der eine oder andere Kletteranfänger komme da schon an seine Grenzen. Für den wahren Alpinisten sei das aber immer noch „Pillepalle“, meint Sydow. Profis seien daher nicht unter den Gästen. „Das ist hier wirklich für den Breitensport.“ Ein besonderer Stammgast sei auch darunter. „Wir haben hier einen 83-Jährigen, der seit sieben, acht Jahren einmal die Woche kommt. Der Mann ist topfit, gehört hier schon zum Inventar.“ Er selbst klettere auch immer wieder mal durch den Parcours, genauso wie sein fünfjähriger Sohn. Eigentlich sei er aber Wassersportler, schwimme und surfe gern, erzählt der Köpenicker.

Bis zu 50.000 Besucher pro Jahr

Zwischen 40.000 und 50.000 Besucher im Jahr hätten vor der Corona-Pandemie das BergWerk besucht. Dieses Niveau soll möglichst schnell wieder erreicht werden. Der Geschäftsführer gibt sich entspannt. „Niemand hat uns damals zugetraut, dass wir in zehn Jahren noch hier sitzen“, blickt er zurück auf die Eröffnung 2012.
Nicht nur in fünf ehemaligen Kinosälen wird geklettert. In der Mall geht es weiter auf bis zu 25 Metern Höhe direkt unter das Glasdach.
Nicht nur in fünf ehemaligen Kinosälen wird geklettert. In der Mall geht es weiter auf bis zu 25 Metern Höhe direkt unter das Glasdach.
© Foto: Philipp Hartmann
Für die Zukunft habe er noch ein paar Verbesserungsideen. Größer könne der Kletterpark aber nicht mehr werden. „Im Prinzip ist die Anlage ausgebaut“, sagt Sören Sydow. Mit Cinestar laufen derweil Verhandlungen, ein zweites BergWerk im geschlossenen Cinestar-Kino im Sony Center zu bauen.

Ausbildung zum Klettertrainer

Weitere Informationen zum BergWerk gibt es auf https://bergwerk.berlin/. Ende August/ Anfang September finden dort im Übrigen Ausbildungstage statt. Gesucht werden zum kommenden Schuljahr Schüler und Studenten als Aushilfen. Sie werden zu Klettertrainern ausgebildet. Kontakt unter Telefon 99274373 oder per E-Mail an info@bergwerk-berlin.de.