Die Freude über den frisch erworbenen Flachbildfernseher, der in keine Schrankwand, geschweige denn einen Kofferraum passt, kann sich beim Einladen schnell in Frust umwandeln. Gerade, wenn auf dem Rücksitz der Nachwuchs und hinten drin die Einkäufe stecken. Ebenso ärgerlich ist es, wenn die Küche aus Schwedt (Uckermark) eintrifft – und man beim Aufbauen bemerkt, dass eine Leiste fehlt. Genau das war einer Familie aus Templin passiert. Die Rettung in der Not kam in beiden Fällen per Bus. Genauer gesagt per Kombibus, der eine Art moderne Postkutsche ist.
Der Linienbus verbindet den Transport von Waren und Fahrgästen, selbst bis in die entlegensten Dörfer. „Wir konnten das fehlende Küchenteil in zwei Stunden nachliefern“, sagt Marita Förster von der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft (UVG) nicht ohne Stolz. Die Fahrt von Templin nach Schwedt und zurück hätte die Familie auch mit dem Auto zwei Stunden gekostet. Von Spritkosten und verlorenen Nerven ganz zu schweigen.
Kleintransporte im Linienbus – das ist seit 2012 Normalität in der Uckermark. Die Busse nutzen vor allem regionale Erzeuger wie die Handelskette Q-Regio, Postdienstleister, aber auch Einzelpersonen wie die Kunden des Oder-Centers in Schwedt, die ihren Einkauf – bis auf Lebensmittel – an die Haltestelle ihres Dorfes kutschiert bekommen.
„Das Feedback unserer Kunden ist sehr positiv“, freut sich Förster, die bei der UVG Verantwortliche für Kombibusse ist. In Prenzlau und Schwedt hat die UVG sogar Kombibusräume eingerichtet. Dort können die Waren bis zur Abholung zwischengelagert werden. Weiterer Stauraum soll folgen, kündigt Förster an.
Die Idee ist nicht neu: Auch in Skandinavien gibt es Busse, die neben Personen auch Waren befördern. Für Regionen wie die Uckermark, den flächengrößten und gleichzeitig bevölkerungsärmsten Landkreis Brandenburgs, kann das Projekt ein großer Gewinn sein. „Die Linienbusse werden besser ausgelastet und strukturschwache Regionen stärker mobilisiert“, betont Förster. Die UVG erwirtschaftet zusätzliche Gelder, die verhindern, dass Busfahrten in entlegene Dörfer weiter eingeschränkt werden müssen. „Ziel ist es, dadurch die Nahmobilität im ländlichen Raum langfristig sicherzustellen“, sagt Förster. Zudem werde es ermöglicht, die Bewohner auf dem Land effizient und umweltschonend zu versorgen. „Unsere Busse kommen fast immer pünktlich“, betont die UVG-Sprecherin.
Das Transportvolumen ist pro Busfahrt auf 200 Kilo beschränkt. Was darüber hinausgeht, muss per Lkw oder Bahn transportiert werden. „Aber der Güterverkehr ist keine Konkurrenz für uns“, stellt UVG-Sprecherin Försterin klar. „Der Kombibus ist ein Lückenfüller mit einer völlig anderen Zielgruppe.“
Allerdings war das abgelaufene Jahr eher wenig erfolgreich. Nach Angaben von Marita Förster transportierte die Uckermärkische Verkehrsgesellschaft nur 3,6 Tonnen Waren per Linienbus – Tiefstwert seit Einführung der Innovation. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 war dieser Wert mit 11,7 Tonnen mehr als dreimal so hoch. In Zukunft erwartet Förster einen Anstieg der Nachfrage, gerade bei regionalen Händlern. „Es werden neue Unternehmen auf uns zukommen“, ist sie sich sicher. Folgen für den Nahverkehr habe das Rekordtief nicht.
Inzwischen stößt das Projekt auch in anderen Landkreisen auf Interesse. So fördert das Land seit Mitte 2016 Unternehmen wie die Ostprignitz-Ruppiner Verkehrsgesellschaft, die das Konzept in ihrer Region etablieren will, mit knapp 70 000 Euro Starthilfe. Darüber hinaus sei der Kombibus ein Vorbild für strukturschwache Regionen in ganz Deutschland, wie Steffen Streu, Sprecher des Brandenburger Infrastrukturministeriums, sagt. Er stehe im regen Austausch mit anderen Bundesländern. Und die UVG wird oft zu Vorträgen eingeladen, wie Förster berichtet. Seit 2015 gibt es die Kombibusse auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt.
Aber auch Brandenburg lässt sich inspirieren. So wurde inzwischen unter anderem das Konzept der im Dezember 2014 in Sachsen-Anhalt und Sachsen eingeführten Plusbusse übernommen, die im Vergleich zu den normalen Linienbussen schneller, öfter und mit kürzeren Umsteigezeiten fahren.