Es ist das erste Mal, dass im Kreis Oder-Spree die wahlberechtigten Bürger selbst bestimmen können, wer ihr Landrat wird. Die 2010 geänderte Brandenburger Kommunalverfassung macht eine Direktwahl möglich, bisher wurde der Landrat von den Abgeordneten des Kreistages bestimmt. Die Wahl wird nötig, weil sich der 67-jährige Landrat Manfred Zalenga nach 14 Jahren Amtszeit vorzeitig in den Ruhestand versetzen ließ. Bis zum 8. Februar ist er noch im Amt.
Fünf Kandidaten bewerben sich um seinen Posten: Sascha Gehm (CDU) aus Fürstenwalde, Torsten Giesel (parteilos) aus Wellmitz, Kai Hamacher (Piraten) aus Fürstenwalde, Rolf Lindemann (SPD) aus Beeskow (Ortsteil Kohlsdorf) und Eberhard Sradnick aus Friedland - Ortsteil Leißnitz. Letzterer ist zwar parteilos, tritt aber für die Linke an.
Besonders Qualifizierungen sind für den Posten des Landrates nicht nötig. Auch eine Verwaltungsausbildung ist für den Chef der Kreisverwaltung nicht erforderlich. Nur so war es möglich, dass sich auch Gastwirt Torsten Giesel (48) bewerben konnte.
Giesel wird es schwer haben, das zeigte unter anderem ein Kandidaten-Forum dieser Zeitung, sich unter den Mitbewerbern zu behaupten. Zu oft gab er das Mikrofon mit der Bemerkung weiter: "Ich schließe mich meinem Vorredner an." Praktische Erfahrungen in Bezug auf Kommunalpolitik hat er nur aus seiner Arbeit im Ortsbeirat.
Sascha Gehm (CDU) aus Fürstenwalde hat dagegen gute juristische und politische Kenntnisse. Der 34-Jährige arbeitet in der Rechtsstelle der Fürstenwalder Stadtverwaltung und ist stellvertretender CDU-Kreisvorsitzender. Öffentlich trat er bisher kaum in Erscheinung, machte aber auf den Vorstellungsforen eine gute Figur - jung, dynamisch, selbstbewusst, redegewandt. Dritter im Bunde ist Kai Hamacher. Er ist Vorsitzender des Regionalverbandes der Piratenpartei Brandenburg und Stadtverordneter in Fürstenwalde (Bündnis Fürstenwalder Zukunft). Dort wird ihm nachgesagt, Beschlussvorlagen meistens abzulehnen. Der 42-jährige alleinerziehende Familienvater gibt sich siegessicher: Auf seiner Facebook-Seite titelt er sich bereits als "Der neue Landrat".
Rolf Lindemann (SPD) dürfte der im Landkreis bekannteste Kandidat sein. Der 59-Jährige ist zweiter Beigeordneter des amtierenden Landrates und Sozialdezernent der Kreisverwaltung. Die hat Lindemann nach der Kreisreform 1993 mit aufgebaut, kennt sich in Verwaltungsarbeit aus. Als im vergangenen Jahr hunderte Flüchtlinge im Landkreis untergebracht werden mussten, war es hauptsächlich Lindemann, der in den Gemeinden die Bürger informierte und um Unterstützung warb.
Besonders im Raum rund um Friedland und Beeskow ist Eberhard Sradnick bekannt. Der 59-Jährige hat dort seine Tierarztpraxis und kennt Hinz und Kunz. Er gibt sich hemdsärmelig und sieht sich nicht ohne Chancen. Seine Kenntnisse über Verwaltungsarbeit schöpft er aus seiner Tätigkeit als Kreistagsabgeordneter und Stadtverordneter in Friedland.
Sradnick ist der einzige in der Runde der Kandidaten, der die geplante Kreisreform und eine Fusion des Kreises mit der Stadt Frankfurt befürwortet: "Wenn das Geld stimmt." Alle anderen Bewerber lehnen einen Zusammenschluss ab. Sie setzen auf Bewährtes und kleinere Verwaltungseinheiten.
Beobachtungen zufolge dürften Sascha Gehm, Rolf Lindemann und Eberhard Sradnick die Favoriten sein. Überraschungen sind allerdings nicht ausgeschlossen. Auch bei der Wahlbeteiligung werden kaum Prognosen gewagt, zu unberechenbar ist das Wahlvolk. Außerdem gibt es zu Landratswahlen keine Erfahrungen im Kreis. In den 13 Brandenburger Landkreisen, in denen seit 2010 Landräte gewählt wurden, lag die Wahlbeteiligung zwischen knapp 30 und knapp 50 Prozent. In Spree-Neiße beteiligten sich im Januar 2010 nur 29,3 Prozent der Wähler, in Dahme-Spreewald waren es im Oktober 2015 36,8 und in Potsdam-Mittelmark im September 2016 46,6 Prozent der Wähler. Bei fast allen Landratswahlen gab es keine absolute Mehrheit - in elf Kreisen musste eine Stichwahl erfolgen. Das könnte auch im Oder-Spree-Kreis passieren: Einen Termin gibt es schon: der 11. Dezember, der dritte Adventssonntag.
Was die Wahlbeteiligung betrifft, lassen auch die Briefwahlen keine sicheren Schlüsse zu. Bis Dienstag waren im Kreiswahlbüro 6160 Briefe angekommen. Das ist im Vergleich zu Kommunalwahlen erheblich weniger, sagt Ulrike Gliese, die stellvertretende Kreiswahlleiterin. Fünf Tage vor dem Wahltag sei es sonst die doppelte Anzahl gewesen. Bis jetzt stammen die meisten Briefwähler aus Schöneiche. Das hat einen guten Grund: Die Schöneicher wählen am Sonntag auch einen neuen Bürgermeister.
"Diese Wahlen sind im Kreis eine Premiere", sagt Kreiswahlleiter Michael Buhrke. "Daraus einen Erfolg zu machen, hänge von den 155000 Wahlberechtigten ab. Denn die Mehrheit, die der neue Landrat braucht, muss mindestens 15 Prozent der wahlberechtigten Personen ausmachen.
Videos zu den Kandidaten auf www.moz.de/wahllos