Der Lausitzer hatte seit der Übernahme des CDU-Vorsitzes 2015 zielstrebig daran gearbeitet, seine Partei in Brandenburg zur stärksten Kraft zu machen und selbst Regierungschef zu werden. Im Frühsommer war er so davon überzeugt, dass er verkündete, nicht als Juniorpartner der SPD zur Verfügung zu stehen und nicht mit Dietmar Woidke nach der Wahl zu verhandeln. Er war davon ausgegangen, dass seine Partei vorne liegt und die SPD unter einem neuen Parteichef sein Juniorpartner wird.
Der Sonntag hat ein anderes Wahlergebnis gebracht. Eines, dass die Regierungsbildung nicht leicht macht. Am stabilsten erscheint aus Sicht des Wahlsiegers SPD noch ein Bündnis mit der CDU und den Grünen. Und die SPD machte seit Sonntag Druck, schnell in die Verhandlungen einzusteigen. Am liebsten würde man vor Ende Oktober Ergebnisse vorweisen, nicht zuletzt um vor der  Wahl in Thüringen zu signalisieren, dass die "Altparteien" (wie die AfD die Konkurrenz abfällig nennt), das Land über Parteiinteressen stellen. Ingo Senftleben musste noch am Wahlabend umschalten, auch weil das Adenauerhaus  kein Interesse an einer weiteren rot-rot-grünen Landesregierung hat. Noch am Sonntag verabredeten Woidke und Senftleben, dass sie es zusammen versuchen wollen. Der CDU-Chef hatte aber die Rechnung ohne die eigene Partei gemacht. Dort haben einige schon im Frühsommer gezeigt, dass ihnen Senftlebens Kurs nicht konservativ genug ist. In einer konzertierten Aktion wurde auf dem Parteitag im Juni die von Senftleben im Alleingang aufgestellte Landesliste zerschossen. Die gleichen, unter anderem Saskia Ludwig, Frank Bommert und der frühere Parteichef Michael Schierack, wollen jetzt eine umfassende Auswertung der Wahlfehler und einen Neuanfang – anders ausgedrückt: eine Abrechnung mit Senftleben und eine Neuausrichtung der Partei.
Es geht auch um Persönliches, sagte Senftleben am Dienstag. Zuviel wahrscheinlich, um es mit einem Gespräch und einem Appell an das Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Land aus der Welt zu schaffen. Auf einer Pressekonferenz nach seinen innerparteilichen Widersachern befragt, die hinten im Saal saßen, geriet der Parteichef ins Stocken. Für einen Moment war ihm anzusehen, was die vergangenen Wochen Wahlkampf und die zwei letzten Tage innerparteiliche Auseinandersetzung an Kraft gekostet haben müssen. Im Vorstand versuchte sich der Landeschef am Montag Zeit zu verschaffen. Keine Neuwahl des Fraktionsvorstandes, um den Riss zwischen den Mitgliedern nicht sichtbar werden zu lassen. Eine Arbeitsgruppe mit dem Bundestagsabgeordneten Jens Koeppen, einem Kritiker des Senftleben-Kurses, soll den Wahlkampf bis November aufarbeiten. Der Plan: Bis dahin einen Koalitionsvertrag aushandeln und ihn dann den Mitgliedern zur Abstimmung vorlegen. Senftleben würde dann in einer neuen Regierung stellvertretender Regierungschef und Minister. Schon im Frühsommer  hatte er erklärt, dass er für die Trennung von Amt und Mandat eintreten will. Das bedeutet, dass er sein Landtagsmandat und den Parteivorsitz räumen würde und damit Platz für neue Karrieren machen könnte.
Das wissen auch seine Kritiker in der Fraktion. Deshalb gestern der öffentliche Auftritt von Ludwig und Bommert. Ein Signal an die SPD, dass die CDU unter Senftleben kein stabiler Partner ist, sich Sondierungen mit ihm nicht lohnen. Es wird ein Nervenkrieg, heißt es in der Union. Und die bange Frage lautet, ob die SPD sich darauf einlässt.

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