Herr Senftleben, Sie werben mit dem Slogan "Ich bin Landei". Müssen Wähler, die sich einen weltgewandten Ministerpräsident wünschen, eine andere Partei wählen?
Nein. Aber die Leute bekommen mit dem Plakat einen Eindruck, wer ich bin. Ich werde meine Herkunft nicht verleugnen und auch nicht, dass ich gern auf dem Land lebe. Ich stehe dafür, dass man in der Politik Stadt und Land gemeinsam denken kann. Das ist auch ein Signal für die Leute auf dem flachen Land, die manchmal das Gefühl haben, dass an ihren Interessen vorbeiregiert wird.
Machen Sie auch Politik für die Menschen im Berliner Umland?
Das Plakat sagt etwas über meine Herkunft aus und trifft keine Aussage, wo wir unsere Wähler suchen. Unser Wahlprogramm zielt darauf ab, ganz Brandenburg wachsen zu lassen. Wenn ich feststelle, dass auf dem Land nicht gebaut werden darf, weil der Landesentwicklungsplan zu viele Vorschriften macht, betrifft das auch den Speckgürtel. Weil dann dort noch mehr gebaut werden müsste, obwohl viele Menschen schon jetzt über die aktuellen Belastungen stöhnen. Zweitens wollen wir den Nahverkehr in ganz Brandenburg ausbauen, weil es überall Probleme gibt. Drittens wird immer wieder die mangelnde Abstimmung zwischen Berlin und Brandenburg beklagt. Das wollen wir ändern.
Sie wollen den Landesentwicklungsplan mit Berlin kündigen und ihn auf Augenhöhe neu verhandeln. Wo wurde denn  Brandenburg über den Tisch gezogen?
Auf meiner Wandertour durch Brandenburg kam ich in die Gemeinde Lichterfeld. Durch die neuen Tagebauseen gibt es in der Region einen Entwicklungsschub. Viele Leute würden gern bauen. Aber der Entwicklungsplan engt die Möglichkeiten dazu ein. Wir haben über Jahre hinweg beklagt, dass junge Menschen aus den Dörfern wegziehen. Jetzt, wo viele zurückkehren wollen oder sich neu ansiedeln,  müssen die Hemmnisse, die das verhindern, beseitigt werden. Deshalb finde ich, dass der mit Berlin ausgehandelte Entwicklungsplan Brandenburgs Interessen nicht entspricht. Die Landesregierung hat sie verraten.
Regiert Berlin bis in die Gemeinde Lichterfeld in Elbe-Elster hinein?
Der Landesentwicklungsplan legt außerhalb des Berliner Umlandes enge Fesseln an und greift in die kommunale Entscheidungsfreiheit ein. Wir müssen uns mit Berlin einigen, dass ganz Brandenburg wachsen kann. Schließlich werden überall Wohnungen gesucht – auch deshalb steigen die Mieten. In so einer Situation helfen Mietdeckelungen oder Enteignungen nicht weiter, sondern eine Politik, die Bauen ermöglicht. Außerdem muss die Infrastruktur für Pendler verbessert und die digitale Infrastruktur ausgebaut werden.
Ihre Partei hat den Anspruch, stärkste Kraft zu werden. Sie liegen in Umfragen noch bei 18 Prozent...
Bei der Europawahl lagen wir vor der SPD, bei der Kommunalwahl waren wir stärkste Kraft und bei Landratswahlen im vergangenen Jahr waren wir auch erfolgreich. In meiner Zeit als Landesvorsitzender hat die CDU viel erreicht. Es wird am 1. September ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben. Ich will mit Fröhlichkeit und guten Mutes diesen Wahlkampf führen. Wer einen Regierungswechsel möchte, muss Union wählen. Stimmen für die AfD sind verschenkte Stimmen, weil diese Partei nicht regieren wird. Nur mit uns wird es neuen Schwung in Brandenburg geben. Wer die anderen Parteien wählt, bekommt ein Weiter so, wie in den letzten Jahren.
Sie wurden auf dem Parteitag Mitte Juni für ihre Äußerung, nach der Wahl auch mit den Linken reden zu wollen, stark kritisiert. Gibt es Korrekturen an dieser Linie?
Wir machen jetzt Wahlkampf. Wenn wir danach an der Regierung beteiligt sein sollten, hat jedes CDU-Mitglied die Chance über den Koalitionsvertrag abzustimmen. Wir werden der erste Landesverband in Deutschland sein, der alle Mitglieder einbezieht und sie abstimmen lässt. Es geht darum, ob die CDU regieren will oder ob man wie 2014 eine Regierungsoption in den Kiefernwald schmeißt.
Sie bleiben dabei, mit allen Parteien zu reden?
Ja, ich bin davon überzeugt, dass das richtig ist. Es geht für mich um Respekt vor dem Wähler. Das sind Klartextgespräche, bei denen ich sage, wofür ich stehe und was ich nicht unterstütze. Daraus ergibt sich, mit wem man Sondierungen aufnehmen kann. Fest steht schon jetzt: Mit einer AfD, die sich immer weiter radikalisiert, gibt es keine Koalition.
Sie hatten 2018 erklärt, dass Sie mit AfD-Chef Kalbitz keine Gemeinsamkeiten sehen. Gibt es für sie noch Kräfte in der AfD, mit denen es sich zu reden lohnt?
Die AfD hat mit ihrer Listenaufstellung ganz klar den radikalen Kurs bestätigt. Die bürgerlichen Kräfte wurden kaltgestellt oder sind schon wieder ausgetreten.
Sie wollen mit allen reden, haben aber Dietmar Woidke  ausgeschlossen. Warum diese Ausgrenzung?
Dietmar Woidke hatte sechs Jahre seine Chance als Regierungschef. Die hat er nicht genutzt. Er hat die Brandenburger mit einer  Kreisreform beschäftigt, von der man vorher wusste, dass sie unnötig ist. Wenn Brandenburg einen Wechsel braucht, kann ich doch nicht einem abgewählten Regierungschef neue Lust einhauchen. Ich gehe davon aus, dass sich in der SPD die Frage nach der personellen Zukunft stellen wird. Ich kenne da einige, die das bereits tun.
Wenn Ihre Partei am Abend des 1. September hinter der SPD liegen sollte, werden Sie sich also zurückziehen und anderen die Gespräche mit Dietmar Woidke überlassen?
Die SPD wird weit unter den 31 Prozent von 2014 liegen. Die Partei wird sich dann ganz von selbst die Frage stellen, wer dafür verantwortlich ist. Die SPD hat früher für das Land viel geleistet. Dietmar Woidke konnte aber nicht das bewerkstelligen, was seine Vorgänger schafften. Deshalb würde der SPD neuer Schwung guttun.
Sie wollten Bildungspolitik in den Mittelpunkt Ihres Wahlkampfes stellen. Warum dringt dieses Thema nicht durch?
Die Brandenburger sind noch in den Ferien und ich treffe viele Brandenburger auf meiner Wanderung durch alle Regionen. In der heißen Wahlkampfphase wird es dann mehr um Inhalte gehen.
Was ist an der Bildungslandschaft so reformbedürftig?
Die Schulpolitik hat dazu geführt, dass Brandenburg bei allen Bildungsvergleichen zu den Schlusslichtern gehört – und das ist nicht die Schuld der Kinder oder Jugendlichen. Wir schaffen es nicht, dass mit dem ersten Schultag Chancengleichheit herrscht. Mit einem kostenlosen Starterpaket, das Schulranzen, Fibel, Federmappe und Turnbeutel enthält, wollen wir ein Zeichen für einen guten Schulstart für alle Kinder setzen. Und noch ein Stichwort: Wir haben jedes Jahr tausend Jugendliche, die die Schulen ohne Abschluss verlassen. Wir müssen uns deshalb ab der ersten Unterrichtsstunde mehr auf die Grundlagen wie Deutsch und Mathe konzentrieren. Außerdem haben wir zu lange den Eindruck erweckt, dass nur Abitur und Studium ein erfolgreiches Leben ermöglichen. Ich möchte, dass auch die Wahl eines Handwerksberufes gewürdigt wird.
Fast alle Parteien sprechen sich für eine schnelle Abschaffung der Kita-Beiträge aus. Sie haben Zweifel geäußert, ob sich das Land das leisten kann...
Es wäre nicht ehrlich, wenn wir den Eltern alles gleichzeitig versprechen würden. Den Eltern ist die gute Betreuung in den Kitas wichtig. Das müssen wir zuerst lösen. Wir wollen die Betreuungszeit ausfinanzieren, die Gruppen verkleinern und mehr auf Bildung setzen. Gebührenfreiheit wird danach folgen.

Zur Person Ingo Senftleben

Auf Schusters Rappen will Ingo Senftleben in diesen Wochen den Brandenburgern näher kommen. Allen Regionen will er auf seiner Wahlkampftour einen Besuch abstatten. Begonnen hat er in seiner Heimat in der Nähe von Ortrand (Oberspreewald-Lausitz). Der 44-Jährige lernte zuerst den Beruf des Maurers und wurde später Hochbautechniker. Dass er in den 90ern Brücken baute, nutzt er gern in seinen Reden als Metapher. 1997 wurde Senftleben Mitglied der CDU, zwei Jahre später zog er in den Landtag ein. Mehrere Jahre lang war er ehrenamtlicher Bürgermeister von Ortrand. 2014 wurde der Lausitzer Fraktionschef im Landtag, 2015 wurde er zum Landesvoristzenden gewählt.