Der Aufschwung der Grünen ist auch in Brandenburg angekommen. Sie spielen auf Augenhöhe mit der politischen Konkurrenz.Ulrich Thiessen fragte Spitzenkandidatin Ursula Nonnemacher, wonach ihre Partei im Herbst Koaltionspartner auswählen würde.
Frau Nonnemacher, wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass Ihre Partei ab Herbst in  Brandenburg an der Regierung beteiligt sein wird?
Hoch. Wir haben die Konstellation, dass fünf Parteien so um die 20 Prozent oder knapp darunter gehandelt werden. Die letzte Umfrage sah SPD, CDU, AfD, Linke und die Grünen zwischen 16 und 19 Prozent. Damit wird es auf eine Drei-Parteien-Koalition hinauslaufen. Da wir Grünen sowohl an die Linke als auch an CDU und SPD anschlussfähig sind, denke ich, die Chance einer Regierungsbeteiligung ist hoch.
Die Grünen sind die Königsmacher?
Ich würde es bescheidener formulieren: Wir werden sicher eine wichtige Rolle spielen. Und wir bereiten uns darauf vor, diese Rolle auch auszufüllen.
Wird schon um Sie geworben?
In dieser Woche bei der Pressekonferenz zur Bilanz der Landesregierung hat Christian Görke von den Linken klar gesagt, dass Rot-Rot-Grün seine Wunschvorstellung wäre. Dietmar Woidke hat sich noch etwas zurückgehalten. Aber wir spüren schon, dass wir im Fokus des Interesses stehen und die Fühler nach uns ausgestreckt werden. Aber Absprachen oder so etwas  gibt es nicht.
Sie haben jahrelang in der Opposition mit der CDU gut zusammengearbeitet. Inwieweit hat der Landesparteitag der Union im Juni Zweifel an der Berechenbarkeit der Partei aufkommen lassen?
Wir haben genau beobachtet, was da ablief. Für uns war das schon eine gewisse Zäsur. Wir hatten in den letzten Monaten oft gelobt, dass Herr Senftleben als Partei- und Fraktionschef die Partei befriedet und auf einem klaren Merkelkurs gehalten hat. Er hat die CDU für moderne Tendenzen geöffnet. Auch die klare Abgrenzung gegenüber den Rechtspopulisten hat uns gut gefallen. Es war strategisch klug und richtig, dass er die Frage ins Spiel gebracht hat, ob sich seine Partei in Ostdeutschland auch mal gegenüber der Linken öffnen müsse. Wir waren auch angenehm überrascht von den Vorschlägen für die Landesliste, gerade weil viele Frauen auf den vorderen Plätzen vorgesehen waren. Das war ein Zeichen des Aufbruchs. Dass dann Herr Senftleben mit weniger als 70 Prozent bei der Wahl zum Spitzenkandidaten abgestraft wurde, ein Kandidat, der seit zwei Jahren klar sagt: Ich will Ministerpräsident werden – das war schon eine Katastrophe für ihn. Außerdem wurde seine ganze Landesliste zerpflückt, und die rechten Kreise diktierten, wer auf die Landesliste kommt. Das macht uns Sorgen.
Ist die Partei noch ein verlässlicher Partner?
Bisher war das in der Landtagsarbeit so. Aber diese Entwicklung hat uns nachdenklich gemacht. Wir wollen natürlich wissen, verhandeln wir nach dem  1. September mit der Senftleben-CDU, die einen modernen liberalen Kurs fährt? Oder mit einer CDU, die Richtung Werteunion geht? Womit wir uns überhaupt nicht einverstanden erklären können.
Zu Ihren Kernthemen gehört seit Jahren die Klimapolitik. Haben Sie für Sondierungen und Koalitionsverhandlungen eine rote Linie, eine Jahreszahl zum Kohleausstieg?
Wir haben keine Jahreszahl genannt. Wir wollen einen Kohleausstieg deutlich früher als 2038. Es gibt im Papier der Kohlekommission ja Revisionsklauseln, die schon in den 2020ern Überprüfungen vorsehen. Uns geht es um Strommengen. Wenn es zum Schluss nur noch geringe Mengen sind, kommt es auf ein Jahr mehr oder weniger nicht an. Wir haben uns insgesamt zurückgehalten, eine rote Linie zu formulieren. Die Regierungsbildung wird ohnehin schwierig werden. Aber für uns ist klar: keine neuen Tagebaue, keine Abbaggerung eines weiteren Dorfes. Proschim muss erhalten bleiben. Die CDU hat neue Tagebaue bereits ausgeschlossen, die Linke spricht vom Ausstieg bis 2030 und Herr Woidke hat selbst schon die Jahreszahl 2038 mit einem leichten Fragezeichen versehen. Da sehen Sie, es gibt Bewegung in unsere Richtung.
Vor einigen Wochen erklärten Potsdamer Wissenschaftler, dass ohne die Abscheidung und Verpressung von Kohlendioxid die Klimaziele nicht erreicht werden können. Geht die Debatte um CCS wieder von vorne los?
Von unserer Seite aus gibt es große Vorbehalte gegenüber CCS. Wir glauben, dass damit auch große Gefahren verbunden sind. Man muss beim Klimawandel alle Vorschläge immer wieder neu bewerten. Aber ich sehe jetzt bei CCS keinen Anlass, unsere ablehnende Haltung zu ändern.
Würde Brandenburg bei einer grünen Regierungsbeteiligung weiter verspargelt?
Wir Grünen sehen beim Spargelanbau vor allem die großflächige Verwendung von Plastikfolien kritisch. Aber Sie meinen sicher Windräder. Verspargelung klingt immer so negativ. Wir legen Wert darauf, dass die Klimaziele von Paris erfüllt werden. Deutschland und Brandenburg sind nicht auf dem Weg dahin, wir entfernen uns eher davon. Man wird deshalb um einen weiteren Ausbau der Windenergie nicht umhinkommen. Vor allem weil man für Bereiche wie Elektromobilität noch mehr Strom braucht. Wir sind für einen verträglichen Ausbau nach Regionalplan unter Beteiligung der Anwohner.
Ihre Partei tritt für eine CO2-Besteuerung ein. Was sagen Sie den Pendlern oder auch den Rentnern im ländlichen Raum, für die sich das als Verteuerung darstellen wird?
Die CO2-Bepreisung halten wir für absolut notwendig. Ein umweltschädliches Verhalten muss sanktioniert werden und ein umweltfreundliches belohnt. Es geht um eine Umverteilung, die einkommensneutral und sozial verträglich sein soll. Sozial Schwache sollen nicht weiter belastet werden, es muss einen Ausgleich geben.
Das wird die Leute auf dem flachen Land, die auf ihr Auto angewiesen sind, nicht beruhigen …
Natürlich habe ich Verständnis für Betroffenheiten, gerade in Regionen, in denen die Busse und Bahnen nicht so fahren, wie wir das gerne hätten. Aber wir haben einen enormen Handlungsdruck. Man muss sich nur mal Satellitenbilder ansehen, wie die Polarkappen schmelzen, wie in der Arktis heftige Brände toben mit der Gefahr eines weiteren Auftauens der Permafrostböden, wodurch in unvorstellbarem Ausmaß Methan freigesetzt würde. Wir können nicht einfach zusehen. Wir müssen handeln, so wie es die Jugendlichen von Fridays for Future fordern. Da kann es nicht sein, dass ein Flugticket nach Riga 20 Euro kostet und eine Zugfahrt nach Köln 150 Euro. Eine CO2-Steuer hilft uns dabei umzusteuern. Und wir denken, dass das machbar ist, und zwar ohne soziale Verwerfungen.
Als Medizinerin haben Sie sicher die jüngste Studie der Bertelsmann Stiftung verfolgt. Ist die Debatte um die Schließung von 800 Krankenhäusern deutschlandweit auf Brandenburg anwendbar?
Die Debatte haben wir doch schon länger. Brandenburger Krankenhäuser sind notwendig für die Versorgung im ländlichen Raum. Wir sind doch nicht in Nordrhein-Westfalen, wo nach 500 Metern schon das nächste Krankenhaus kommt. Unsere 54 Kliniken werden gebraucht. Dass einige Standorte zu Zentren stationär-ambulanter Versorgung umgebaut werden müssen, ist klar. Aber wir haben kein Übermaß an Kliniken am Netz. Aber wir werden auch Qualitätsdebatten führen müssen. Die Qualität muss stimmen. Wir haben im Landtag durchgesetzt, dass immer dann, wenn das Land die bundesweiten Qualitätsindikatoren außer Kraft setzt, wir darüber im Gesundheitsausschuss reden. Qualität und Standortsicherheit sind beide von Bedeutung und man darf sie nicht gegeneinander ausspielen.

Zur Person Ursula Nonnemacher

Erst in Brandenburg wurde Ursula Nonnemacher Politikerin. Die Medizinerin, geboren in Wiesbaden, zog in den 90ern nach Falkensee und gründete dort einen Ortsverband ihrer Partei. In der Stadtverordnetenversammlung der Stadt sitzt sie bis heute. 2009 zog sie mit den Grünen in den Landtag ein. In der kleinen Fraktion war sie in den letzten Jahren für Innenpolitik und Sozialpolitik zuständig. Sie ist Fraktionsvorsitzende und wurde in einer Urwahl des Landesverbandes zusammen mit ihrem Landtagskollegen Benjamin Raschke zum Spitzenduo für den Wahlkampf gewählt. Inzwischen ist sie fast schon eine Institution – jemand, dem auch die Mitglieder der anderen Fraktionen im Landtag zuhören.