Der Dauerregen sorgt für die passende Stimmung. Und stellt die Organisatoren der Umbettungszeremonie vor Probleme. Die bereits vor Tagen ausgehobene Gruft hinter den Steinen aus rotem Granit droht voll Wasser zu laufen. Darin die 37 Sarkophage, allesamt mit roten Rosen geschmückt.
"Was hier geschehen ist, lässt sich mit Worten nicht erklären", sagt Gunter Fritsch (SPD), der als Landtagpräsident und Vorsitzender des Landesverbandes Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge die Gedenkrede hält und sich für das Geschehene entschuldigt. Dass nun 63 Jahre nach Kriegsende und 36 Jahre nach der offiziellen Umverlegung des Friedhofs die zweite Beisetzung stattfinden muss, liege an Versäumnissen, die allen moralischen Ansprüchen zuwiderlaufen. Klare Worte, die die Vertreter der Botschaften der Russischen Föderation, Weißrusslands und der Ukraine dankbar aufnehmen. Auch Abgesandte des Kreises sowie der Ämter und Gemeinden sind vor Ort.
Vom Gymnasium "Auf den Seelower Höhen" sind Schüler gekommen, die sich in ihrer Arbeitgemeinschaft "Spurensuche" damit auseinandersetzen, wie es geschehen konnte, dass in ihrer Heimatstadt vor 36 Jahren ein solcher Frevel an den Kriegstoten begangen wurde.
Die Frage beschäftigt viele, die an diesem Tag zur Gedenkstätte gekommen sind. Nicht jeder geht so weit wie Lutz Bergmann, ein Seelower Bürger, der sich von den seinerzeit dafür Verantwortlichen in Stadt, Kreis und Parteileitung derart betrogen fühlt, dass er sich "für Seelow schämt".
Der Wunsch nach Klärung der Verantwortlichkeit dafür ist heute nicht sehr ausgeprägt. Das zeigen Nachfragen beim damaligen Schulrat und Mitglied des Rat des Kreises, Peter Schmidt, sowie beim jetzigen Vorsitzenden der Seelower Stadtverordnetenversammlung, Richard Priemuth (Linke). Priemuth bestätigt, dass die Gerüchte um die zurückgelassenen Kriegsgräber in Seelow nie verstummt waren. Und selbst der Umstand, dass in den 90er Jahren beim Bau einer Versorgungsleitung über den Friedhof Gebeine gefunden und wieder vergraben worden waren, war kein Geheimnis geblieben.
Ähnlich Fälle gebe es viele im Land, erklärt Oliver Breithaupt, Geschäftsführer des Landesverbandes des Volksbundes. In nächster Zeit werde es weitere Umbettungen geben, denn die Zivilcourage des Zeitzeugen Hubert Nowak, der gemeinsam mit der Märkischen Oderzeitung die Suche anschob, mache Schule.
Auch Erwin Kowalke, Umbetter des Volksbundes, kennt solche Fälle in anderen Orten. Und Pastor Uwe-Peter Eckert aus Wilkendorf, der als langjähriger Strausberger Standortpfarrer der Bundeswehr die Andacht hält, erinnert sich an eine ähnliche Situation in Hirschfelde (Barnim), wo das Massengrab von KZ-Häftlingen erst auf Nachfragen eines russischen Offiziers hin würdevoll gestaltet worden sei.
In der Gedenkstätte Seelower Höhen wird derzeit gemeinsam mit der Partnereinrichtung in Brest die Erinnerungskultur nach dem Kriegsende erforscht. Die Einweihung der Seelower Gedenkstätte am 27. Dezember 1972 stehe am Ende eines Umdeutungsprozesses, in dem die DDR als "Kampfgefährte der Sowjetarmee" nachträglich zum Sieger der Geschichte avancieren wollte. "Nur auf die ideologische Wirksamkeit der roten Granitsteine kam es an, nicht auf die individuelle Trauer um die Gefallenen", erklärt Gedenkstättenleiter Gerd-Ulrich Herrmann, der froh ist, dass die 51 geborgenen Gebeine nun eine würdevolle Grabstätte haben.