Wenn die Bürger in Altlandsberg demnächst ihre Kleiderschränke entrümpeln, müssen sie mit den Beuteln voller Textilien nicht weit laufen. Ab April werden ausrangierte Hosen, Hemden, Blusen oder Shirts dort in der blauen Papiertonne gesammelt und vom Entsorgungsbetrieb Märkisch-Oderland (EMO) abtransportiert. Das kreisliche Unternehmen will mit dem Pilotprojekt, das in insgesamt neun Orten läuft, den Müll reduzieren und die Einnahmen erhöhen.
"Wir sind selbst gespannt, wie die Bürger das annehmen", sagt die EMO-Abfallberaterin Peggy Thräne. Um die Verwertungswege transparent darzustellen, sei eine Webseite geschaltet worden. Kooperationspartner ist das Unternehmen Humana, das in vielen brandenburgischen Kommunen Altkleidercontainer aufgestellt hat und in Hoppegarten eine Sortieranlage betreibt.
Dabei ist das Pilotprojekt vorerst bis Oktober geplant. "Dann werden wir durchrechnen, ob es wirtschaftlich tragfähig ist", sagt Thräne. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse will der EMO entscheiden, ob das Sammelsystem auf das gesamte Kreisgebiet ausgedehnt wird. Für die Kunden soll das Einsammeln der Kleidung ebenfalls Vorteile bringen: Über den Erlös könnten die Gebühren stabil gehalten werden.
Alles andere als euphorisch wird das Vorhaben von den Wohlfahrtsverbänden bewertet. So befürchtet man beim Deutschen Roten Kreuz, dass es zu Einbußen in den Kleiderkammern kommt. Nach Angaben des Landesverbandes wurden über die 1100 DRK-Container in Brandenburg im vergangenen Jahr rund 3300 Tonnen Textilien eingesammelt. Zehn Prozent davon landen in den Kleiderkammern, die für sozial schwache Bürger gedacht sind. "Wir müssen natürlich darauf achten, dass die Klamotten auch noch getragen werden können", sagt die DRK-Sprecherin Iris Möker. Daher müssten die meisten Textilien an Recyclingbetriebe weitergegeben werden. "Aus Sachspenden werden letztlich Geldspenden, die in soziale Projekte fließen", so Möker. Zuletzt registrierte das DRK durch den Flüchtlingsstrom eine deutliche Zunahme des Altkleider-Volumens.
Äußerst kritisch sieht Andreas Berger-Winkler das Modellvorhaben in Märkisch-Oderland. "Wir sind auf Kleiderspenden angewiesen", sagt der Vorstandsassistent der Johanniter in Südbrandenburg. Schon seit Jahren registriert er einen "Gegenwind" durch die Behörden in der Lausitz, bei denen die Johanniter eine Genehmigung für das Aufstellen der Container beantragen. "Wir werden intensiv unter die Lupe genommen, weil wir in dem Bereich sehr aktiv sind", meint Berger-Winkler. Gleichzeitig ärgert er sich darüber, dass immer mehr illegale Sammelcontainer aufgestellt werden. Verantwortliche würden jedoch nur selten ermittelt, sagt der Johanniter-Mitarbeiter.
Tatsächlich wurden im vergangenen Jahr laut einer Abfrage des brandenburgischen Umweltministeriums bei den kommunalen Abfallwirtschaftsbehörden landesweit rund 160 Container erfasst, die nicht genehmigt waren. Dabei steigt das Altkleideraufkommen seit Jahren: 2012 waren es landesweit noch 720 Tonnen, 2014 bereits 1200 Tonnen, heißt es in der Erhebung, die nach einer parlamentarischen Anfrage der Grünen-Fraktion veröffentlicht wurde. Insgesamt sind 71 gewerbliche Betriebe sowie 39 karitative Träger für das Sammeln von Textilien zugelassen.
Der Bundesverband für Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) berichtet von einem schwierigen Kampf gegen illegale Akteure im Altkleidergeschäft, in dem bundesweit nach Schätzungen jährlich 300 Millionen Euro verdient werden. Eine Tonne Textilien bringt den Verwertern derzeit 300 Euro ein, die weitaus größeren Umsätze werden jedoch auf afrikanischen Märkten erzielt - wo ein Großteil als Second-Hand-Ware verkauft wird. "Es besteht die Gefahr, dass dubiose Firmen nur die Creme-Ware abschöpfen", sagt Verbandsgeschäftsführer Jörg Lacher. Er rät den Bürgern auf die Beschriftung der Container zu achten, die eine Adresse und eine Telefonnummer beinhalten sollte. Zudem hat der BVSE ein Qualitätssiegel erarbeitet.
Darüber hinaus beobachtet der Verband mit Argwohn eine Zunahme der kommunalen Aktivitäten. "Hier wird in ein funktionierendes Recyclingsystem eingegriffen", ärgert sich Lacher. Eine ähnliche Meinung vertritt der Verband Fairwertung, der 125 gemeinnützige Organisationen vertritt: "Die kommunalen Entsorger entdecken das Geschäft mit Alttextilien für sich, aber die Bürger werden davon kaum profitieren", sagt der Sprecher Thomas Ahlmann. Dafür seien die Erlöse zu niedrig.