Die Grundstückspreise in der Berliner Innenstadt sind in den vergangenen Jahren um 500 Prozent gestiegen. Es gibt Quartiere, in denen der wahre Berliner sich kaum noch aufhält – nicht nur, weil er sich die Miete dort nicht leisten, sondern auch weil er dort keiner Alltagsbeschäftigung mehr nachgehen kann. „Berlin Remixing – Stadt neu gemischt“ ist deshalb nicht nur Titel, sondern auch Anspruch des diesjährigen „Make City“-Festivals. „Wir müssen die Stadt in jeder Hinsicht neu aufmischen: sozial, räumlich, ökologisch, kulturell“, sagt Festivalleiterin Francesca Ferguson am Dienstag zum Auftakt im Kulturzentrum der Tschechischen Botschaft.
Das monströse Gebäude an der Wilhelmstraße in Mitte mit seinen verspiegelten und abgedunkelten Fenstern stammt aus der Epoche des sozialistischen Brutalismus und ist damit selbst ein Ort, um den viel diskutiert wird. Das Mobiliar aus Holzwänden, orangefarbenen Kunstledersesseln und Holzvertäfelungen wirkt beeindruckend wie veraltet. Dazu ist das architektonische Gesamtkunstwerk sanierungsbedürftig. Es gab schon Abrisspläne – ein Schicksal, das es mit vielen weiteren Gebäuden in Berlin teilt.
Im Rahmen des „Make City“-Festivals wollen nun im alten Kinosaal Experten aus Deutschland und Tschechien über den Umgang mit dem sozialistischen Architekturerbe und die Möglichkeiten seiner Nutzung diskutieren. Und so wird bei dem 18-tägigen Festival eine Botschaft plötzlich zum offenen Festivalgelände, eine syrische Architektin zur Berliner Stadtführerin und das Schulkind zum Stadtplaner, erklärt Francesca Ferguson. Bei den größtenteils kostenlosen Veranstaltungen und Touren können Laien gemeinsam mit Experten auf Wohntürme steigen, Großbaustellen besuchen, Alters-WG und Container-Dörfer kennenlernen oder die Nachhallgalerie der umgebauten Staatsoper erkunden.
„Berlin ist der ideale Ort für Make City. Die Stadt ist eine der spannendsten Metropolen weltweit“, findet Katrin Lompscher (Linke), Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen. Eine der wichtigsten Aufgaben ist es deshalb, kluge städtebauliche Lösungen für das Wachstum zu finden und gleichzeitig den sozialen Zusammenhalt, die urbane Mischung, die Freiräume und lebendigen Stadtquartiere zu erhalten, die Berlin so anziehend machen.“
Und so führen über 80 Touren unter anderem durch den Industriestandort Oberschöneweide, zu dem Wohnhaus mit großzügigen Terrassen, das in Wilmersdorf an der Schlangenbader Straße die Autobahn überspannt, oder zu den Bienenstöcken in der Akademie der Künste. Architekten stellen Pläne für das Gelände des ehemaligen Blumengroßmarkts vor, erklären zukunftsweisende Holzbauarchitektur und laden zum Flussbad-Cup in der Spree. Die Schauspieler des Berliner Ensembles laden zu einer Partie Boccia vor ihrem Theater ein und wollen dabei über den Ausverkauf und das touristische Einerlei vor ihrer Haustür sprechen.
„Die moderne Architektur war immer bestrebt zu trennen, um Konflikte zu vermeiden“, sagt Landschaftsarchitekt und Festival-Mitbegründer  Martin Rein-Cano. Doch genau dieses Credo habe letztlich zu Problemen, Verwerfungen, ja gar zur Entmenschlichung geführt. „Die Verantwortung für uns Architekten liegt heute darin, zu mischen und die Stadt als ökonomisches wie soziales Gebilde zu verstehen.“
So wie einst James Hobrecht, Stadtplaner und Erfinder der „Berliner Mischung“. Er entwickelte schon in den 1860er-Jahren das Modell vom gleichwertigen Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten, Gewerbe und Freizeit, das so manchen Kiez bis heute so lebenswert macht.
„Mit Make City wollen wir auch eine öffentliche Plattform für den Austausch zwischen Akteuren, Entscheidern und Nutzern schaffen“, betont Martin Rein-Cano. Der Landschaftsarchitekt selbst präsentiert das Thema „Stadt als Klimamaschine“, das sich den fließenden Grenzen zwischen grauer und grüner Infrastruktur widmet.
Ein solcher Ort ist für ihn die Wiese des Preußenparks in Wilmersdorf. Seit mehr als 20 Jahren treffen sich dort Thailänder zum Kochen. Sie verkaufen ihr Essen auf dem nicht genehmigten, aber geduldeten Markt. „Der Thai-Park ist eine migrantische Freiraumnutzung, die unsere Stadt bereichert. Dort haben wir die Möglichkeit, andere Kulturen zu beobachten und ihnen näher zu kommen“, findet Rein-Cano. Im Rahmen des Festivals, zu dem 20 000 Besucher erwartet werden, können Interessierte den Thai-Park bei einer geführten Tour erkunden. Bei dem ethnografisch-kulinarischen Sonntagsspaziergang, zu dem man sich anmelden muss, werde die Geschichte zwischen Konflikt und Affirmation des informellen Marktes nachgezeichnet, heißt es im Programm. Teilnehmer gewinnen Einblicke in das Alltagsleben der Straßenhändler und können sich gleichzeitig an den südostasiatischen Köstlichkeiten erfreuen. Und bitte die Picknickdecke nicht vergessen!
„Make City“ – Das Festival für Architektur und Andersmachen, 14. Juni bis 1. Juli an über 100 Orten. Die Veranstaltungen sind überwiegend kostenlos. Aus Platzgründen sind aber viele Angebote anmeldepflichtig. Alle Infos unter: www.makecity.berlin