Herr Dr. Gastmeier, wer soll Cannabis bekommen können?
In unserer Praxis verwenden wir seit vielen Jahren Cannabis in der Palliativbehandlung als Schmerzmittel für Patienten mit Krebs.  Dadurch können Opioide reduziert oder ganz ersetzt werden. Im Vergleich zu diesen haben Cannabis-Arzneimittel deutlich weniger Nebenwirkungen. Schwindel, Apathie oder Appetitlosigkeit werden reduziert. Cannabis ermöglicht eine Entspannung der Muskulatur, das Sturzrisiko ist geringer, die Menschen können klarer denken, sich besser artikulieren. Sie schlafen ruhiger, Sorgen und Ängste lasten weniger auf ihnen. Sie können mit ihren Angehörigen so überhaupt erst über den nahen Tod sprechen. Denn um solche Patienten geht es in einer Praxis für ambulante Palliativmedizin.
Bereits seit 2017 gibt es ein Gesetz über die Verwendung von Cannabis auf ärztliches Rezept. Warum gab es in diesem Jahr noch Klärungsbedarf?
Das Gesetz legt fest, dass Cannabis schwerstkranken Patienten verordnet werden darf, wenn ihnen nicht anders wirkungsvoll geholfen werden kann. In diesem Fall übernimmt die Krankenkasse auf Antrag die Kosten. Mein Anliegen bei der Experten-Anhörung im Bundestag im März war es, den Wegfall des sogenannten Genehmigungsvorbehalts zu verhindern: Beginnt eine Therapie ohne Zustimmung der Krankenkasse, bleibt der Arzt mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Kosten sitzen.
Diesen Fall hatte ich in der eigenen Praxis im Jahr 2000. Damals ging es in einem Rechtsstreit um 150 000 D-Mark. Die Krankenkasse bezahlte am Ende die wirkungsvolle Behandlung eines Patienten mit Zungenhalskrebs vollständig. Der 13 Jahre dauernde Rechtsstreit war für mich und den betroffenen Patienten eine sehr belastende Zeit. Doch ich kann als Arzt nicht zusehen, dass Menschen, die vielleicht nur noch wenige Wochen leben werden, die bestmögliche Schmerz- und Palliativbehandlung verwehrt wird. Die Brandenburgische Landesverfassung sieht im Artikel 8 auch die Achtung der Würde des Menschen im Sterben vor, die durch die Ablehnung der Kostenübernahme schwerwiegend verletzt sein kann.
Was haben Sie im Bundestag erreicht?
Ich habe damit geholfen, den Wegfall des Genehmigungvorbehalts zu verhindern. Das ist derzeit ein Schritt in die richtige Richtung. Aus medizinischer Sicht sollte Cannabis als Medikament den Opioid-Präparaten künftig gleichgestellt werden. Die Verordnung von Betäubungsarzneimitteln ist eine urärztliche Aufgabe. Der von den Krankenkassen ausgeübte Druck auf die Ärzte, Opioide zu verschreiben, entspricht nicht der Betäubungsmittelverschreibungsordnung und ist nicht im Sinne der Patientensicherheit. Wegen der geringeren Nebenwirkungen und dem völligen Fehlen eines Todesrisikos  muss die Behandlung mit Cannabis den Opioiden vorgezogen werden. Zurzeit ist es umgekehrt. Bezüglich der Risikobewertung (Opioid gegen Cannabis) ist dringend die Ethikkommission der Bundesärztekammer gefordert, die Ärzte aus diesem ethischen Dilemma zu befreien.
Heute verschreiben wir in unserer Praxis Cannabis für 10 bis 20 Prozent der Patienten, und das ist viel. Ein Grund für die wenigen Verschreibungen ist die Bürokratie. Die Beantragung der Cannabisgaben und das anschließende Berichtswesen kosten den Arzt pro Patient ein bis zwei Stunden Zeit zusätzlich. Was mich besonders ärgert, sind Ablehnungen mit nichtmedizinischen Begründungen.
Geht es dabei nur ums Geld?
Meistens nicht. Cannabis wird in niedriger Konzentration verschrieben. Die Tagesdosis kostet bei den meisten Palliativpatienten einen einstelligen Eurobetrag, und das auch nur für kurze Zeit. Gravierender als der Spareffekt durch Verweigerung der Kostenübernahme sind die Verletzung der Würde der vom Tode bedrohten Patienten und die katastrophale Außenwirkung. Dies ist mit Geld nicht aufzuwiegen und vom Gesetzgeber so sicher nicht vorgesehen.

Ärzte geben Antwort


Unter der Rufnummer0331 2009680 schaltet die Brandenburgische Krebsgesellschaft an diesem Sonnabend eine kostenfreie Patientenhotline. Von 10 bis 17 Uhr stehen onkologisch tätige Ärzte verschiedener Fachrichtungen für eine telefonische Konsultation zur Verfügung. red