Jetzt im Winter, wenn es nur wenige Ausflügler und Touristen nach Stolzenhagen (Barnim) verschlägt, zeigt sich der kleine Ort am Nationalpark "Unteres Odertal" ganz still. Hin und wieder schippert ein Schiff über die Wasserstraße, die sich am Rande des Sackgassendorfes durch die idyllische Endmoränen-Landschaft zieht. Ansonsten ist man unter sich.
Anja Hradetzky genießt die Ruhe und die Nähe zur Natur. Vor einem Jahr ist die 27-Jährige nach Stolzenhagen gekommen. Nach einigen Jahren in Eberswalde, wo sie und ihr Mann studiert haben, sind die beiden gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn in eine Wohnung im alten Gutshaus gezogen. Die Familie hat sich gut eingelebt. Und auch der Plan, demnächst Bio-Milchprodukte zu vermarkten, nimmt Gestalt an. Im kommenden Jahr wollen die Hradetzkys 30 Milchkühe übernehmen. Einen Stall im Ort haben sie schon sicher.
"Für Menschen, die aufs Land ziehen wollen, ist Stolzenhagen sehr attraktiv", schwärmt Anja Hradetzky. Während viele ländliche Regionen unter dem Wegzug vor allem junger Leute leiden, werde es in dem beschaulichen Ort immer schwerer, eine Wohnung zu finden. Tatsächlich hat in den vergangenen Jahren ein reger Zuzug stattgefunden. Viele Kreative - vor allem aus Berlin - sind gekommen. Ein neues Zuhause haben sie vornehmlich auf dem alten Gutshof gefunden. Viele der Ställe, in denen noch zu DDR-Zeiten die Viecher standen, haben sich inzwischen zu Wohnungen gewandelt. Ende der 1990er-Jahre hatte eine Genossenschaft das frühere LPG-Gelände übernommen. Neben Wohnungen sind seitdem auch Räume für kulturelle Arbeit entstanden.
Probleme zwischen Einheimischen und Zugezogenen gibt es nicht, erzählt Anja Hradetzky. Im Gegenteil. Es habe sich eine gut funktionierende Nachbarschaftshilfe entwickelt. Und neue Ideen wie zum Beispiel ein Tanzfestival würden von den Alteingesessenen als Bereicherung wahrgenommen.
Seit 2002 bildet Stolzenhagen mit dem Nachbarort Lunow eine Gemeinde. Nur wenige Jahre nach dem freiwilligen Zusammenschluss wurde die junge Gemeinde als sportlichste im ganzen Land Brandenburg ausgezeichnet. Auf etwa 1200 Einwohner kommen stolze elf Vereine - darunter viele Sportvereine, die sich auch an den zahlreichen traditionellen Festen aktiv beteiligen.
Insbesondere seinem regen Vereinsleben verdankt Lunow-Stolzenhagen nun auch den Sieg im Kreiswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft". 1500 Euro hat der Barnim dafür vergeben. Zuvor hatte sich die Jury bei einer Gemeindebegehung davon überzeugen lassen, dass das Leben auf dem Land auch ohne Bahnhof, Kino und Supermarkt vielfältig sein kann. Ein wichtiger Aspekt war zudem die Hilfsbereitschaft unter den Nachbarn. "Hier herrscht noch ein starker Zusammenhalt", hatte Carsten Bockhardt, Dezernent für Kreisentwicklung, bei der Preisverleihung gelobt. "Die Dörfer sind längst mehr als nur romantische Idylle. Sie sind bekannt für das Miteinander der Generationen und den engen Kontakt in Vereinen, Gruppen und Initiativen", sagt Bockhardt.
Mit der Auszeichnung hat sich Lunow-Stolzenhagen gleichzeitig für den Landeswettbewerb qualifiziert. Brandenburg beteiligt sich in diesem Jahr zum neunten Mal an dem deutschlandweiten Wettbewerb. Den Landessieger erwarten 10 000 Euro und eine Teilnahme am Bundeswettbewerb, der im kommenden Jahr entschieden werden soll.
Derweil machen sich die Bewohner von Lunow-Stolzenhagen bereits Gedanken darüber, wie die Siegprämie vom Kreis sinnvoll eingesetzt werden kann. Ein Problem ist zum Beispiel die kurze Verbindung zwischen Lunow und Stolzenhagen. Der Liebesgrund als Verbindungsstraße wird wegen des schlechten Zustandes kaum mehr genutzt. Eine neue Straße soll her. Für die nächsten Tage hat Dezernent Carsten Bockhardt Vertreter der Gemeinde nach Eberswalde zu einem Gespräch geladen. Dann soll über Fördermöglichkeiten diskutiert werden.

Alle Sieger auf Kreisebene

Mit dem bundesweiten Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" sollen Engagement und beispielhafte Beiträge zur zukunftsfähigen Entwicklung der Dörfer ausgezeichnet werden. Das Land Brandenburg beteiligt sich in diesem Jahr zum neunten Mal an dem Ausscheid. Die Sieger auf Kreisebene stehen bereits seit Kurzem fest. Ab elf Bewerbern durften zwei Dörfer zum Landesausscheid delegiert werden. ¦Prignitz: Lindenberg ¦Ostprignitz-Ruppin: Berlitt ¦Uckermark: Göritz/Malchow ¦Oberhavel: Vehlefanz ¦Havelland: Spaatz ¦Barnim: Lunow-Stolzenhagen ¦Märkisch-Oderland: Zechin ¦Oder-Spree: Sauen ¦Dahme-Spreewald: Straupitz ¦Teltow-Fläming: Hohenseefeld ¦Potsdam-Mittelmark: Garrey und Wittbrietzen ¦Spree-Neiße: Casel und Papitz ¦Elbe-Elster: Möglenz und Fichtenberg ¦Oberspreewald-Lausitz: Guteborn und Dörrwalde ¦Cottbus: Schlichow und Willmersdorf