Eddy Kottke hat sie in seinem Büro ausgestellt: die Meisterstücke seines Großvaters Erich  und von  Vater Bodo. Es sind zwei Auto-Kühler. Unter der Patina schimmert rötliches Kupfer und goldglänzendes Messing hindurch. Der eine Kühler ist  aus den 1950er-Jahren, der andere von 1969. Nur sein eigenes Meisterstück besitzt der Frankfurter Kfz-Meister nicht mehr. Das wurde verkauft, kaum dass es fertig war: ein Zastava-Motor.
Der Zastava war in der DDR etwas Besonderes. Den fuhr nicht jeder. Nur rund 10 000 Stück wurden importiert. Der Zastava 1100 war ein Lizenzbau des Fiat 128, hergestellt  in Jugoslawien. Kottke hat sich nicht Trabbi, Wartburg oder Skoda ausgesucht für sein Meisterstück, nein, Zastava. "Das war ein sportliches Auto." Und er hat damals, Ende der 1980er-Jahre, von einem Mann gelernt, der mit diesem Wagen sogar Rennen gefahren ist: Norbert Dyballa aus Lebus. Ein Kfz-Meister, zu dem die Leute bis aus dem Erzgebirge kamen, um ihren Zastava warten zu lassen.
Um ein Meister  zu werden, musste – nein durfte – Eddy Kottke einen Zastava-Motor instandsetzen. Die Meisterabschlussarbeit hat er noch, 22 Seiten samt Anhang, in einem blauen Ordner. Mit Schreibmaschine getippt auf leicht vergilbtem Papier. Drei Jahre hat es gedauert, bis Eddy Kottke diesen blauen Ordner einreichen konnte. Drei "Hardcore"-Jahre, wie er heute sagt. Den Meisterbrief hat er gemacht, um den Familienbetrieb übernehmen zu können. Großvater Erich und Vater Bodo betrieben eine Werkstatt für Kühlerreparaturen. Kraftfahrzeugklempnermeister ist der Vater, sein Meisterbrief  hängt im Büro des Sohnes.
Eddy Kottke  hat zunächst Kfz-Mechaniker gelernt, im KIB – dem VEB Kraftfahrzeuginstandsetzung Frankfurt (Oder). Dort hat er gearbeitet – und neben der Arbeit seinen Meister gemacht. Das war damals nicht gern gesehen im Betrieb, erzählt Kottke. Denn er wollte den "falschen" Meister machen – aus der Sicht seines  Betriebes. In der DDR gab es zwei  Meister, erzählt Kottke. Die einen, die sogenannten VE-Meister,  wurden in den Volkseigenen Betrieben qualifiziert. Die anderen, das waren die im Handwerk ausgebildeten Meister. Kottke wollte Handwerksmeister werden. Das hat sein Betrieb erlaubt, aber nicht gefördert. Also hat der Frankfurter freitags und sonnabends den theoretischen Teil der Ausbildung absolviert. Die versäumte Zeit auf Arbeit musste er nachholen – sonntags im  Bereitschaftsdienst.
Damals war Kottke 24 Jahre alt und arbeitete im Autoservice des KIB. Ein reizvoller Job. Wartburg, Lada, Mazda, Moskvich und Volvo wurden dort repariert. Aber nicht Zastava. Dafür war Norbert Dyballa der Spezialist. Zu ihm ist der junge Kfz-Mechaniker dann nach seiner  Schicht im VEB gefahren, um zu lernen, wie man Zastava repariert. Und einen Motor zu einem Meisterstück macht.
Dieser Zastava-Motor war schon 170 000 Kilometer im Einsatz, er verbrauchte zu viel Öl, schluckte zu viel Benzin, die Leistung war schlecht. In der Abschlussarbeit sind alle Tätigkeiten aufgelistet. Vom Kundengespräch über den Kostenvoranschlag bis zum "Arbeits- und Brandschutz bei der Instandsetzung von Kraftfahrzeugen". Der Motor selbst war ein "sehr robustes und kompaktes Triebwerksteil", so heißt es in der Arbeit. Ihn konnte Kottke nicht solo aus dem Wagen ausbauen, sondern nur zusammen mit dem Getriebe.
Alle Teile mussten zunächst gereinigt, gegebenenfalls instand gesetzt oder durch neue ausgetauscht werde. Das alles ist akribisch aufgeführt, bis hin zu technischen Details. So war das Gewicht der Kolben zu prüfen und die erlaubte Abweichung durfte  nicht größer sein als 2,5 Gramm, sonst würde die Laufruhe des Motors gestört. "Das war viel Handarbeit. Es gab wenig Maschinen in der DDR", sagt Kottke.  "Und man musste alles wie neu aussehen lassen." Das Meisterstück wurde teils lackiert und poliert. " Das musste ein Hingucker sein."
Wie der Motor aussah, davon zeigen heute noch die technischen Zeichnungen, mit Tusche ausgeführt. Die gesamte Reparatur kostete 1872,40 Mark der DDR. Das war viel Geld für damalige Verhältnisse. Heute wäre eine vergleichbare Arbeit etwa 5000 Euro wert.  Die Instandsetzung des Zylinderkopfes – einer der teureren Posten auf der Rechnung von 1989 – kostete 30,70 Mark. Und Motoröl ablassen schlug mit 65 Pfennigen zu Buche. Der Motor wurde dann verkauft. "Nach Leipzig, glaube ich", meint der 54-Jährige. Er selbst hat sich 1988 das Zastava-Vorbild gekauft – einen Fiat.
Nach drei Jahren, am 30. Juni 1989, war der Frankfurter schließlich am Ziel: Er bekam seinen Meisterbrief als Kraftfahrzeughandwerksmeister. Und dann änderte sich alles. Die Wende kam. Kühlerreparaturen brauchte kaum noch jemand. Heute werden Kühler moderner Autos nicht repariert, sondern ausgetauscht. Sie sind aus Kunststoff und Aluminium, nicht mehr aus Messing und Kupfer, so wie die Meisterstücke des Großvaters und Vaters. Großvater Erichs Meisterstück  aus den 1950er Jahren stammt von einem Tempo – einem dreirädrigen Lieferwagen. Das von Vater Bodo kühlte den Motor eines S4000 – ein mittelschwerer DDR-Lkw.
Eddy Kottke ist 1991 ins Familien-Geschäft eingestiegen. Sein Vater hat ihn damals sehr unterstützt bei der Meisterausbildung, dafür sei er ihm dankbar, sagt der Sohn. Aus der Kühler-Werkstatt wurde eine Kfz-Werkstatt. Kühler repariert Eddy Kottke heute noch – aber das ist Nebengeschäft. Hauptsächlich betreibt er eine typenoffene Kfz-Werkstatt, mittlerweile allein.
An der Werkstatt-Wand hängt ein Schild "Ausgezeichnet im Wettbewerb der Wartburg-Vertragswerkstätten". Oldtimer, insbesondere der Wartburg, sind eine Leidenschaft von Eddy Kottke.  Der Frankfurter besitzt  eine Limousine und ein Wartburg-Coupe von 1964. "Dieses Auto gehört zu meiner Genera­tion." Er repariert aber auch ältere Autos seiner Kunden, Fahrzeuge aus den 1950er- bis 1980er-Jahren zumeist. Wartburgs wurden auch bei Dyballa in Lebus gewartet, als Kottke dort Meister-Schüler war. "Herzlichen Dank an Norbert Dyballa", sagt Eddy Kottke, "dass er mich das damals hat machen lassen."

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