"Es sind aber nicht immer die Eltern, die wenig Geld haben", gibt der 36-jährige Sven zu bedenken. Er möchte seinen Nachnamen nicht nennen. "Oft fehlt den Kindern die Liebe. Da hilft auch kein Jugendamt", schätzt der Eberswalder ein.
Bürgermeister Friedhelm Boginski, früher Lehrer, sagt: "Solche Fälle machen mich nicht nur als Bürgermeister, sondern auch als Menschen betroffen." Die Stadt unternehme alles, um Familien zu unterstützen und aufzufangen, die unter schwierigen Bedingungen leben müssten. So fördere die Stadt in diesem Jahr die Eltern-Kind-Zentren in Stadtmitte und im Brandenburgischen Viertel sowie das Familienzentrum in diesem als Problembezirk bekannten Plattenbaugebiet mit insgesamt 100 000 Euro.
Wo die Familie genau lebt, ist nicht bekannt. Die Akten liegen beim Jugendamt Barnim, das sich auf den Datenschutz beruft. Auch die Staatsanwaltschaft, die nun von Amts wegen ermittelt, kommt erst an die Unterlagen, wenn ein richterlicher Beschluss ergeht.
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"Ich war schon schockiert, als ich davon gelesen habe", sagt Jana Hirt, Leiterin des Eltern-Kind-Zentrums Stadtmitte. Hinweise auf verwahrloste und misshandelte Kinder im Barnim seien aber nicht selten. Sie ist verwundert, dass im aktuellen Fall Frühwarnsysteme nicht funktioniert hätten. Wie zum Beispiel die Untersuchungen zur Früherkennung, zu denen Eltern von Kleinkindern regulär schriftlich aufgefordert werden.
Steigende Fallzahlen
Von zu zögerlichem Eingreifen spricht auch Barnims Landrat Daniel Kurth (SPD) auf der eilig einberufenen Pressekonferenz am Montag in Eberswalde. Yvonne Dankert, Sozialdezernentin beim Kreis, skizziert die Komplexität des Verfahrens, das durch das Sozialgesetzbuch 8 geregelt ist. Obwohl schon Mitte 2017 eine "Gefahrenmeldung" zur fünfköpfigen Familie erging, versuchte eine Mitarbeiterin des Kinderschutzes wohl zu lange, auf die Mitarbeit der Eltern zu setzen. Erst, als bekannt gewesen sei, dass diese ausblieb und sich das Kind in einem extrem vernachlässigten und unterernährten Zustand befand, wurde das Amtsgericht Eberswalde eingeschaltet. Das entschied, die Kinder in Obhut zu nehmen, was am 19. Dezember 2019 geschah, so Dankert.
Die Inobhutnahme sei das letzte Mittel der Jugendhilfe, betont die Dezernentin. 800 Fälle jährlich würden von ihren 30 Mitarbeitern im Kinderschutz bearbeitet. Personal aufzustocken ist laut Landrat Kurth geplant. Eine wachsende Zahl an solchen Fällen gebe ihm dennoch zu denken. Jeder Fall sei eine Gratwanderung. "Dieser Fall ist nicht alltäglich, aber auch keine Besonderheit", ergänzt die Sozialdezernentin. Regelmäßig würden ärztliche Gutachten für Kinder eingeholt. "Wir gehen jedem Hinweis nach", betonte Yvonne Dankert.
Ministerium will Klinikbericht prüfen
Auch das Brandenburger Jugendministerium fordert nähere Informationen über den Gesundheitszustand des Kindes an. Das Ministerium wolle auch den Bericht der Klinik vom Dezember einsehen, in dem das Mädchen zur Behandlung gewesen sei, sagte Sprecherin Antje Grabley. Das Ressort hatte am Montag vom Jugendamt des zuständigen Landkreises Barnim eine Stellungnahme angefordert, nachdem es einen Bericht über eine angebliche Verwahrlosung gab. Das Ministerium will prüfen, ob der Kreis rechtmäßig gehandelt hat.
Der Landrat des Kreises Barnim, Daniel Kurth (SPD), berichtete am Montag, dass das Mädchen im Dezember in die Obhut der Behörden gekommen sei. Der Kreis sprach von Anzeichen von Unterernährung und Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten bei dem Kind. Nach eigener Darstellung hatte das Jugendamt des Kreises seit Mitte 2017 versucht zu helfen, nachdem es eine erste Meldung gab. Die Bemühungen seien zunächst erfolglos gewesen. Nach einer vom Gericht erwirkten Familienhilfe ab November 2019 gab der Kinderschutz eine Gefahrenmeldung ab.